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Deutsches Jazzfestival Frankfurt Gute Geister und Pop in Spiritus

Das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt zeigt sich unter neuer Obhut und in überbordender Fülle.

30.10.2016 17:42
Stefan Michalzik
Unter anderem zirzensisch: Myra Melford. Foto: Sascha Rheker

Nun also: fünf Tage, drei Spielorte, 13 Programmposten. Das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt steht unter der neuen gestalterischen Obhut der Redakteure Claus Gnichwitz und Jürgen Schwab vom Hessischen Rundfunk, hinzu kommt wie bisher Olaf Stötzler, Manager der hr-Bigband. Derweil es sich in einer überbordenden Fülle samt großem Eröffnungskonzert in der Alten Oper und einem klubaffinen Nachschlag im Mousonturm darstellt, gibt es wie ehedem den (mit einem „kleinen“ Ticket zu buchenden) „klassischen“ Kern an drei Tagen im Sendesaal des Funkhauses.
In seiner Anverwandlung von Country-&-Western-Standards nimmt der Gitarrengroßmeister John Scofield mit seiner Band „Country For Old Men“ liebevoll das Idiom des Genres auf, mit nur einzelnen Anflügen von Ironie. Das klingt mitunter ausgesprochen funky, dann wieder bindet Scofield seine Versionen explizit an den Blues an. Seine Virtuosität handhabt der 65-jährige Titan mit der von ihm bekannten generös lässigen Überlegenheit. In Gediegenheit erschöpft sich das nicht – grandios.

Unorthodoxe jähe Motivkürzel, eine sardonische Knappheit, das vitale perkussive Detail und das Spiel mit der Lücke: Gropper/Graupe/Lillinger schlagen ihre Musik aus der Reduktion heraus. Die Musik des Berliner Trios um den Tenorsaxofonisten Philipp Gropper, den E-Gitarristen Ronny Graupe und den Schlagzeuger Christian Lillinger, vormals eingeführt als Hyperactive Kid, zeichnet sich durch eine forcierte Dringlichkeit aus. Das hat Format, rundum.

Die hibbelige Rhythmik des Drum’n’Bass überträgt Lillinger auf das Schlagzeug – zu verzeichnen ist das desgleichen bei dem Schweden Anton Eger von Phronesis. Bei dem Trio aus London ist das mal splittrig-perkussive, dann wieder melodisch ausschwingende Klavier von Ivo Neame nur eines von drei Kraftzentren. Der Däne Jasper Høiby macht den Bass zu einem Schlaginstrument; auf dem gestrichenen Bass wartet er mit der äußerst gedämpften Andeutung eines Metallriffs auf. Die dichte Materialkonstruktion lässt Raum für den momenthaften Impuls. Ein Höhepunkt.

Bei Myra Melford und ihrem Quintett Snowy Egret sind die Antagonismen Programm. Die amerikanische Pianistin hat sich mit einer furios zirzensisch perkussiven Parade eingeführt. Klangstrotzende Kollektivszenen und an die musikalische Romantik anknüpfende Schattenspiele, eine Besinnung auf die Tradition von Blues und Boogie vom Standpunkt der New Yorker Downtown-Avantgarde her – Melford ist eine vitale Strukturdenkerin, der Pluralismus ist ihr näher als die Symbiose.

Den Gegenpol stellten der französische Altsaxofonist Thomas de Pourquery und sein Sextett Supersonic dar. Mit einem unbezähmbaren Humor haben sie die Hinterlassenschaft von Sun Ra geplündert. Manch eines der bis zum Bersten energiekrachenden Tutti kommt dem Punk nahe. Eine heutige Überschreibung, von einer eigenen Warte her mit seriösem Spaß, keine ehrerbietige Hommage.

Songs der Beatles in Spiritus eingelegt hat hingegen die Pianistin Julia Hülsmann mit ihrem Trio und dem Gitarristen Ben Monder sowie dem sich in redundanten elektronischen Spielereien verlierenden sangeslahmen Manierismenfürsten Theo Bleckmann. Nach dem kapitalen Fehlschlag mit einem zimperlichen Django Bates und der hr-Bigband anhand von „Sgt. Pepper“ am Eröffnungsabend ein weiteres Fiasko. Möge man die Songs der Beatles doch alsbald einmal Pourquery & Co. zuschanzen!

Aus der Beschäftigung mit einem auf die Popmusik bezogenen Bruchstück aus Bodo Kirchhoffs Novelle „Der Prinzipal“ hat die Frankfurt Organic Electro Experience um den Schlagzeuger Oli Rubow nicht mehr als eine loungehafte Gefälligkeit geschlagen, in einer Assoziierung von Dancebeats und kaleidoskopisch verwirbelten improvisatorischen Fragmenten; den Text hat der Autor selbst als herkömmliche Lesung nahezu unbegleitet vorgetragen – eine ausgebliebene Begegnung von Literatur und Musik.

Den guten Geistern von der Supergroup Aziza ist es zugekommen, mit einem hohen Grad an Dichte und Intensität den letzten Sendesaal-Abend zu retten. Das geläufige Ungestüm des in Benin gebürtigen Lionel Loueke auf der sublim „ethno“-fern afrikanisch infizierten Rockjazzgitarre trifft auf die Abgeklärtheit des Großmeisters Dave Holland am Bass, Chris Potter brilliert in beseelter Art an Tenor- und Sopransaxofon, Eric Harland am Schlagzeug besticht mit feinen dynamischen Auflockerungen des Kontinuums.

Das dramaturgische Konzept der neuen Gestalter? Auf einen Schwerpunkt – braucht es nicht unbedingt – haben sie verzichtet. Tradition & Fortschrittswollen, Altmeister & Jungsporne: mit dieser postheroischen Position wird nicht viel falsch gemacht, eine gewisse Unverbindlichkeit wohnt dem gepflegten Gemischtwarensortiment indes natürlich inne. Im Übrigen: Gesicht zeigen – vor mit den Redakteuren an die Rampe! Mögen sie die Protagonisten, anders als diesmal geschehen, intellektuell pointiert selber ansagen – das wäre eine bewahrenswerte Tradition des Frankfurter Festivals.

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