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Deutsche Oper Berlin Gleise ins verheerende Irgendwo

„Samson und Dalila“ an der Deutschen Oper Berlin kann sich hören lassen. Aber leider gibt es auch noch die Inszenierung von Patrick Kinmoth.

16.05.2011 21:55
Jürgen Otten
In Kinmoths Welt. Foto: Barbara Aumüller im Auftrag der Deutschen Oper Berlin.

Erstaunlich ist das schon. Man schreibt das Jahr 1877, gerade erst ist das Blut aus dem deutsch-französischen Krieg getrocknet, da wird ausgerechnet in Weimar die Oper eines französischen Komponisten uraufgeführt. Was manchem Zeitgenossen als Skandalon par excellence erscheint, ist jedoch kein Zeichen transnationaler Versöhnung, sondern ein Akt privater Künstlerförderung.

Verantwortlich dafür zeichnet der berühmteste Abbé des 19. Jahrhunderts. Franz Liszt hat in der Stadt Goethes, Schillers und Herders zuvor schon beispielsweise Hector Berlioz zu Anerkennung und Ehre verholfen. Nun geht er daran, auch Camille Saint-Saëns durchzusetzen. Und so hebt sich im Theater der Vorhang für ein Opus von biblischem Zuschnitt: „Samson et Dalila“ auf ein Libretto von Ferdinand Lemaire. Die Verbindung zur gesellschaftlichen Realität ist evident. Zwei Glaubenssysteme stehen einander unversöhnlich gegenüber. Hier die Hebräer, dort die Philister. Die Philister herrschen, die Hebräer leiden unter ihnen. Und nur einer stellt sich dieser Faktizität der Geschichte herkulesgleich entgegen: Samson.

Ein stimmstarker Mann. Bei José Cura ist er deshalb in guten Händen. Der argentinische Tenor, einer der letzten Urkräfte seines Fachs, verfügt nach wie vor über ein beschwörend dämonisches tiefes Register, sonor und mitteilsam klingt die Mittellage. Und auch dem Ausufernden des göttlichen Wünschens verleiht Cura die entsprechende Façon. Schluchzend schleift er die Töne zu ihrem Bestimmungsort droben in der Höhe. Wie es ihm gefällt. Indes: Rein technisch betrachtet, offeriert diese Art des Singens (die leider auch Laurent Naouri als Oberpriester der Dagon präferiert) ein eklatantes Defizit, das durch Ausdruck, durch ein übertriebenes espressivo wettgemacht wird.

Wie man Leidenschaft klüger, einfühlsamer darstellt, zeigt Samsons Gegenspielerin Dalila: Vesselina Kasarova. Sie tönt ihren Mezzo ab, arbeitet statt mit Volumen mit Schattierungen, ausgeklügelten Phrasierungen. Ihr Gesang ist so, wie es der alte Hebräer (von bezwingender Solidität: Ante Jerkunica) Samson warnend beschreibt: „süß, aber gefüllt mit Gift und Trug“.

Besser subtiler

Kasarova hat begriffen, dass die hintergründigen Töne in dieser Oper zwingend nötig sind. Sie weiß, dass eine mezza voce mehr einbringt als emotionale Selbstentäußerung. Sie zeigt uns, worin die Subtilitäten in der Verbindung zwischen ihr und Samson liegen. Von Dirigent Alain Altinoglu und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin wird sie in darin einfühlsam unterstützt. Der Klang ist transparent, filigran. Ein Klang, der sich nicht vordrängt, der durch deskriptive Präzision jene Aura herstellt, aus der „Samson et Dalila“ ihren Reiz zieht.

Leider gibt es auch noch eine Inszenierung. Zu verantworten hat sie (und damit: ein Debakel) Patrick Kinmoth, der mit Darko Petrovic auch die Kostüme ersonnen und das Bühnenbild gebaut hat. Und schon hier wird es problematisch. Grundlage des Bühnenbildes sind mehrere Gleise ins Irgendwo. Nur ist dieses Irgendwo durch den thematischen Konnex längst definiert. Nähme man an, Kinmoth habe die Dimensionen der Assoziation Auschwitz, die hier zwingend naheliegt, unterschätzt, würde man sagen, er ist Opfer seiner Naivität. Da man davon nicht ausgehen kann, muss man zu zweitem Schluss gelangen. Das Bild ist beabsichtigt.

Beabsichtigt aber ist es geradezu infam. Es stellt die Oper in einen Kontext, der von der Oper nicht beglaubigt werden kann und will. Saint-Saëns stand nicht der Sinn danach, eine Oper über den Genozid an den Juden zu komponieren. Im Sinn hatte er die Beschreibung einer bürgerlichen Ausgrenzung. Kinmoth aber begeht den haarsträubenden Lapsus, die bürgerliche Geschichte einer kulturellen Feindschaft am Ende des 19. Jahrhunderts zu verknüpfen mit dem größten Grauen des 20. Jahrhunderts.

Den Gipfel der Geschmacklosigkeit erreicht das Ganze am Schluss. Waggons fahren heran, Güterwaggons, wie sie für die von den Nazis deportierten Juden benutzt wurden. Zwischen ihnen der zum Party-Clown degradierte Samson sowie die bis auf die Unterwäsche entkleidete philiströse Feiergesellschaft. Wer mag, soll darin einen Sinn erkennen.

Deutsche Oper Berlin: 19., 21., 26., 29. Mai, www.deutscheoperberlin.de

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