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Dekonstruiertes "Weihnachtsoratorium" Leere sei Gott in der Höhe

Die Berliner Künstlergruppe Novoflot dekonstruiert im Berliner Radialsystem Bachs Weihnachtsoratorium. Von Jürgen Otten

21.12.2009 00:12
Jürgen Otten

Vermutlich wäre die Sache anders verlaufen, hätte nicht Nietzsche eines zarathustratraurigen Tages den Tod Gottes beschlossen. Allein, er tat es. Und bald schon fanden sich Novizen in reichhaltiger Zahl, denen es angelegen war, dieses apodiktische Theorem zu bestätigen; nur die Wortwahl änderte sich. Insbesondere die Philosophen des 20. Jahrhunderts haben es diesbezüglich dem lieben Gott nicht leicht gemacht. Beinahe spöttisch pferchten sie Sentenzen wie "Jauchzet, frohlocket! Auf preiset die Tage, /Rühmet was heute der Höchste getan" in die Mühle des strukturellen Denkens, um sie dort so lange zu zerreiben, bis nur noch Hautfetzen hinabhingen von der himmlisch befruchtenden Gabe.

Man sollte dies wissen, wenn man ins Berliner Radialsystem zu einer Aufführung von Bachs "Weihnachtsoratorium" geht. Denn derjenige, der sich an der Botschaft dieses Werks kulinarisch ergötzen will, wird sein blau-batailleskes Wunder erleben: eine radikal desillusionierende Dekonstruktion. Allerdings auch eine recht delikate.

Wer die Berechtigung einer solch performativen Kunstaktion grundsätzlich anzweifelt, der sei daran erinnert, dass schon der Schöpfer dieses ingeniösen Werkes nicht aus reinster Gottesfürchtigkeit und nur dieser zum Ruhme die Noten setzte. Wie üblich bei Bach, bediente er sich auch im Fall des Weihnachtsoratoriums aus bereits vorhandenem, auch für außerreligiöse Zwecke verwertbarem Material, das er dann parodierte.

So gut wie sämtliche Chöre und Arien entstammen den Drammi per musica BWV 213/214 von 1733. Neu komponiert wurden lediglich die Rezitative und Choräle. Bach nutzte sie als vitalisierende Verbindungselemente zwischen Sätzen, die ursprünglich an eine gänzlich andere Abfolge von Textinhalten und musikalischen Gedanken gebunden waren. Sprich: Der Unterschied zwischen einem König auf Erden und einem König im Himmel war so groß dann doch nicht, und ein Wiegenlied für einen Göttersohn konnte ebensogut auch für ein Christuskind gelten.

Der Abend im Radialsystem geht noch einen Schritt weiter - in die Niederungen unser trivialen Existenz. Noch bevor eine zweistündige Reise durch das ganze Haus anhebt, sitzt man im Saal auf unbequemen Plastikmülleimern, umgeben von diffusem Stimmengewirr. Das Solistenensemble Kaleidoskop, von Vicente Larranaga in der Folge nach Kräften (und nicht immer erfolgreich) zusammengehalten, betritt den Raum mit Grubenlampen am Kopf. Dann die ersten vertrauten Klänge, die Sopranarie aus der vierten Kantate, "Flößt, mein Heiland...". Aber dem Wohltönenden gesellt sich sogleich antiphonale Dissonanz bei. Sollen wir also jenen Schrecken, von dem im Text die Rede geht, körperlich spüren? Uns fürchten? Den Sinn neu erdenken? Oder gar unser eigenes Unbehagen an dieser Form von Kultur?

Derlei Imponderabilien begleiten den Abend wie ein guter Freund. Und nicht eine Sekunde macht Regisseur Sven Holm einen Hehl daraus, dass er den geläufigen Konnotationen des Werkes zutiefst misstraut. Um diese Skepsis in musiktheatrale Essenz zu transformieren, schraubt er einen Subtext in den Boden des Weihnachtsoratorium, der auf verschiedenste Weise doch immer die gleiche Frage formuliert: Glauben wir das wirklich, was da erzählt wird? Können wir das überhaupt noch im hyperaufgeklärten Zeitalter des agnostischen Egalitarismus?

Holm sagt: Wir können es nicht. Dazu bedient er sich herbkantiger Textbausteine von Bataille, Artaud und anderen "grausamen" Denkern, sowie eines diskursiv den Ablauf durchstörenden Sprachrohrs: Johanna Falckner, eine junge Schauspielerin, taucht an jeder Ecke auf, gleichsam als Racheengel, der sich aber am Ende noch in eine poetische Sonnengöttin zu verwandeln weiß. Geradezu surreal verschmitzt gerät ihr Auftritt im engen Dachstudio, wo die vier Gesangssolisten den Chor aus der fünften Kantate "Ehre sei dir Gott" anstimmen und dabei eifrig die Börsenkurse studieren. Nein, Gott ist nicht tot. Er ist nur zum Banker mutiert. Und Banker laufen Gefahr, mit der Maschinenpistole vom Platz gemäht zu werden. Natürlich nur spielerisch.

Derlei süffisante Seitenhiebe auf eine Gesellschaft, die jede Ware zum konsumistischen Fetisch, somit zur Ersatzreligion erhebt, erlaubt sich Holm während der vier Stunden durchgängig; manches Mal wirkt das etwas kokett. Doch spätestens im zweiten Teil wird das Bezwingende des Regiekonzepts evident. Angelegt ist der Abschnitt als (habituell vertrautes) Konzert. Vorne die vier Solisten, dahinter Orchester, Dirigent, zwei wackere Chöre (Karl-Forster-Chor, Knabenchor Berlin). Doch nach und nach bröckelt das Ritual, verwandelt sich das Hingebungsvoll-Demütige in selbstbeglaubigende (Such-)Aktion. Nicht mehr länger wollen diese Sänger singen zum Lobpreis Gottes. Sie wollen das Paradies auf Erden, sie wollen es leben, erleben, vielleicht gar erzwingen. Deswegen das Brechtsche Heraustreten aus der Rolle, deswegen am Ende keine Verklärung, keine Apotheose.

Sondern Jazz. Die Formation "Bauer 4" mit einer Improvisation der Marke Supergaga, mit Posaunen, die bis Jericho zu hören sind. Musiktheater kann auch Spaß machen.

Weihnachtsoratorium, 23., 25., 26., 27. Dezember. www.radialsystem.de

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