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Deep Purple Jon Lord: Ein Kind seiner Zeit

Mit Jon Lord ist am Montag der wichtigste und einflussreichste Keyboarder des Hard Rock gestorben – und ein Musiker, der wie kaum ein anderer den immensen Rechtfertigungsdruck verkörperte, unter dem sich das Genre entwickelte.

18.07.2012 17:47
Markus Schneider
Jon Lord 9.6.1941 – 16.7.2012 Foto: dpa/Dürrwald

Für viele Zeitgenossen verkörperte vermutlich nichts so den Geist des frühen Hard Rock wie die schnarrende Basswalze von „Smoke On the Water“. Tatsächlich ist es wohl ein anderer Titel Deep Purples, der den Zeitgeist der harten Siebziger auf den Punkt bringt, nämlich „Child in Time“, in der 12-minütigen Livefassung vom Doppelalbum „Made in Japan“ von 1972. Bezeichnend daran wirkt heute jedoch weniger Ritchie Blackmores Gitarre, sondern vielmehr Jon Lords Hammond mit der sakral lauernden Improvisation und dem geschmeidigen Legato-Solo über seinem minimalen Ostinato-Riff, in dem sich gleichzeitig Glanz und Hybris des Stils bündeln wie nur noch in Ian Gillans ansteigendem Kreischen.

Schon mit fünf am Klavier

Mit Jon Lord ist am Montag der wichtigste und einflussreichste Keyboarder des Hard Rock gestorben – und ein Musiker, der wie kaum ein anderer den immensen Rechtfertigungsdruck verkörperte, unter dem sich das Genre entwickelte. „Unsere Sachen sind nicht weniger wertvoll als jedes beliebige Beethoven-Stück“ erklärte er noch 1973, als die Band ihren Zenit bereits überschritten hatte, in einem Interview. „Who Do We Think We Are“ – was glauben wir eigentlich, wer wir sind? – hieß angemessen das Album zum Interview.

Lord, Jahrgang 1941, hatte schon mit fünf Jahren begonnen, klassisches Klavier zu spielen, sich aber seit Anfang der Sechziger auch der Hammond zugewandt, die er neben dem Klavier in Jazzbands und als Sessionmusiker spielte. Lord blieb dem Instrument auch treu, als sich Konkurrenten wie Keith Emerson den modischeren Synthesizern zuwandten. Mit Santa Barbara Machine Head erprobte Lord seit 1967 das Zusammenspiel von Gitarre und Orgel, deren wegweisend breitwändige Wucht später als Markenzeichen den mit einem Guinness-Eintrag belohnten, ultralauten Sound Deep Purples bestimmen sollten: eine sonore, klassische Färbung in massigen Riffs, die er statt der Blues-schule den kommenden Metal-Generationen als Gepäck mitgab. Seit Montagnacht twittern Fans von Iron Maiden zu Slash und Rage Against the Machine ihr Beileid.

Die ersten beiden Alben Deep Purples ab 1968 wirken noch recht zeitgemäß psychedelisch. Erst 1970, mit dem vierten Album „In Rock“, fand die Band mit Gillan, Roger Glover am Bass und Gründungsmitglied Ian Paice am Schlagzeug zu ihrer historisch bedeutsamen Gestalt. Der Löwenanteil der 200 Millionen verkauften Alben dürfte auf die vier Veröffentlichungen fallen, die in dieser Besetzung bis 1973 erschienen.

Jon Lord saß dabei das bürgerliche Instrumentalwesen im Genick. Sein Hang zur Klassik fügte zwar den Stücken Deep Purples eine effektive Tiefendimension hinzu, und die Spannung mit dem eher blues-virtuosen Blackmore verhalf der Band vermutlich zu einigen der eindrucksvollsten Prä-Metal-Strecken. Frühe Stücke wie „April“ zeigen jedoch eine Sehnsucht, die weit über den damals modischen Flirt mit der Klassik hinausweist. Seine orchestralen Leidenschaften pflegte er auch mit dem deutschen Komponisten und Esoterikelektroniker Eberhard Schoener, am erfolgreichsten auf „Sarabande“.

Ehrendoktor der Uni Leicester

1976 lösten sich Deep Purple auf. Lord bediente daraufhin hauptberuflich – aber unterbeschäftigt – ein paar Jahre lang die Keyboardbatterien bei White-snake. Auch vertrieb er sich die Zeit als Aushilfe bei Frühpensionären wie George Harrison oder Pink Floyds David Gilmore und mit einem von der Geschichte vergessenen Ex-Star-Ensemble namens Olympic Rock and Blues Circus.

1984 reformierten sich Deep Purple, renovierten die erschlafften Körper auf einer Gesundheitsfarm und reanimierten das alte Publikum zum Beispiel für eine US-Tour 1985. Deren Ertrag wurde nur von Bruce Springsteen übertroffen. Die Band existiert seither in wechselnden Besetzungen, doch Jon Lord schied schon 2002 aus, weil ihm das Touren zu viel wurde. Die Trauer darüber verarbeitete er in einem Stück, das naheliegend „De Profundis“ (Aus den Tiefen) hieß.

In den letzten Jahren widmete er sich überwiegend orchestralen und karitativen Werken, und nahm noch im letzten Sommer die Ehrendoktorwürde der Universität seiner Heimatstadt Leicester entgegen. Im letzten Jahr wurde Krebs in der Bauchspeicheldrüse diagnostiziert, an dessen Folgen Jon Lord nun in London gestorben ist.

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