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„Death in Venice“, Oper Stuttgart Der hellwache Tod

Benjamin Brittens „Death in Venice“, genialisch und entschlossen choreografiert und inszeniert von Demis Volpi an der Oper Stuttgart.

Der Tod in Venedig
Pas de deux des alternden Schriftstellers mit dem fantasierten Gott: Matthias Klink und David Moore in Stuttgart. Foto: Oper Stuttgart

Der Tod in Venedig“ ist von größtmöglicher Offenheit und gab dem Autor Thomas Mann doch die Möglichkeit, seine Erzählung über jemand anderen zu schreiben. Der freilich ebenfalls ein berühmter Dichter ist und 1911 das 50. Lebensjahr ein Stück überschritten hat. Über 60 war Benjamin Britten, als er „Death in Venice“ komponierte. Das Bekenntnishafte rückte erschütternder und befreiender in den Vordergrund am Ende eines Gesamtwerks, das das Thema Homosexualität immer umkreist, aber nie  benannt hatte. Dabei lebte Britten sein Leben. Auch in der Uraufführung von „Death in Venice“ 1973 sang sein langjähriger Lebensgefährte Peter Pears die Hauptrolle des Gustav von Aschenbach.

Das Unerhörte der Geschichte wird abgefedert, indem zugleich ja nichts passiert: Der alternde, verwitwete, in einer Schreibkrise und – aber das weiß er nicht – am Ende seines Lebens befindliche Schriftsteller Aschenbach verliebt sich zu seiner Überraschung, seinem Schrecken und Entzücken in einen fremden Jungen, sieht sich also ad hoc (hat er es wirklich nicht gewusst?) mit einem homosexuellen und pädophilen Selbst konfrontiert. Aber nie kommt es zu einer Berührung, einem Gespräch.

Für die Oper ist das markanter und auch ein markanteres Problem als für die Erzählung, denn eine Bühnenhandlung muss sich dazu verhalten. Britten hatte den guten, in der Umsetzung wegen der Kitschgefahr schwierigen Einfall, Tadzio und seine Begleiterinnen (Mutter und Schwestern) tanzen zu lassen: Sänger und Tänzer, zwei bewegte Sphären, die nicht direkt kommunizieren können.

„Der Tod in Venedig“ tritt lebhaft und lebensgierig auf

An der Oper Stuttgart hatte diese dramaturgische Vorgabe, die in Inszenierungen oft beiläufig behandelt oder ganz weggelassen wird – so 2006 von Keith Warner in Frankfurt –, nun zur Folge, dass ein Choreograf die Regie übernahm. Demis Volpi verhält sich in dieser Zusammenarbeit mit Oper, Staatsballett und John Cranko Schule aber wie ein tanzkundiger Opernregisseur. Und er geht aufs Ganze. „Der Tod in Venedig“ in Stuttgart tritt lebhaft und lebensgierig auf, unruhig, ausgeprägt E.T.A.-hoffmannesk. Unter der Leitung von Kirill Karabits ist die Musik auf diesem Weg unbedingt dabei, farbenreiche Abgründe tun sich auf und lassen in Innenwelten blicken und hören, in denen von Untätigkeit keine Rede sein kann.

Als Hintergrund reichen bewegliche graue Wände auf der Drehbühne, teils mit Milchglas für geisterhafte Erscheinungen, die in diesem gondelfreien, leicht dunstigen Venedig reichlich auftreten. Nur Bücher liegen herum, sind im Laufe des Abends auch das einzige Requisit (Ball, Zeitung, Versteck). Ausstatterin Katharina Schlipf ergänzt das mit gedeckter Kleidung für die Solisten – gespenstisch armlos dann auch für die verhuschten Venezianer –, neckische Touristenpeinlichkeiten für die Reisenden, Badehosen für die jungen Tänzer. Alles wirkt individuell und vielfältig, alles ist der Geschichte verpflichtet, während Zeit und Ort ungreifbar bleiben.

Der Alptraum, in den Volpis Aschenbach in der von der Cholera bereits umwehten Lagunenstadt gerät, ist tatsächlich weit entfernt von der klassischen schwarzen Melancholie, in die er gewohnheitsmäßig eingetaucht wird. Und weil nicht jeder Opernsänger so beweglich ist wie der großartige Matthias Klink, ein starker Aschenbach mit einer gewaltigen, beredten, fast zu jugendlichen Charakterstimme. Dieser Mann setzt sich gegen den Tod sehr wohl zur Wehr und er kann tanzen, wie man einen Tenor nicht oft hat tanzen sehen. So wandelt Volpi einen Barbierbesuch in eine Gymnastikstunde um (der Text lässt das gut mit sich machen). Auch schickt er Aschenbach in ein fabelhaftes Pas de deux mit Apollon, der hier keineswegs nur Stimme (Jake Arditti) ist, sondern von dem Tänzer David Moore auch als elastische Bronzefigur ins höchst bewegte Bild gesetzt wird. In einer das Volkstümliche mit dem Phantasmagorischen verbindenden Szene tritt er in einem knallrosa- und goldfarbenen indischen Rahmen auf, von einer Schar von John-Cranko-Schülern zur vielarmigen Gottheit Shiva ergänzt.

Alles ist im Fluss, aber nicht hin zum Guten. Klinks Aschenbach fiebert zwischen den schönen Kindern, von denen Tadzio (Gabriel Figueredo als faszinierendes Apollon-Pendant) der schönste und auch sportlichste ist – in einer ungemein geschmeidigen Szene können Tadzios Wettkampferfolge hier illustriert werden. Bedrängt wird der Verängstigte, Verliebte zugleich von einem omnipräsenten Faktotum. Georg Nigl, ein nicht minder markantes Bariton-Gegenstück zu Klink, übernimmt die bei Britten bereits für einen Sänger geplanten Nebenfiguren. Volpi und er machen aber aufs Schärfste klar, dass es sich wirklich immer um dieselbe, mephistophelische Person handelt (wie in „Hoffmanns Erzählungen“, wo Nigl auch sein serviles Gebaren her haben könnte).

Dass die Schönheit der tanzenden Körper Aschenbachs Pädophilie erschütternd ideal bedient, entspricht Volpis und Brittens rigoroser Perspektive, die keinen Moment die Warte des Schriftstellers verlässt. Das Opulente, Durchdachte, klug Durchprobierte führten zu einem gewaltigen Schlussjubel.

Oper Stuttgart: 11., 14., 18., 25. Mai, 15., 18. Juni. www.oper-stuttgart.de

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