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DAF „Wir sind keine Freunde“

Ein Besuch bei Robert Görl und Gabriel Delgado-Lopez alias Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Sie sprechen über 40 Jahre Bandgeschichte.

Robert Görl und Gabriel Delgado-Lopez
Eine Lederjacke war mal Stein des Anstoßes: Robert Görl und Gabriel Delgado-Lopez. Foto: Sabine Raef

Eine der wenigen Gemeinsamkeiten von Robert Görl und Gabriel Delgado-Lopez ist eine auffällige Vorliebe für Fußball-Sprachbilder. Diese Steilvorlage aufnehmend: Kaum eine Band hat eine so miese Chancenverwertung wie die „Deutsch-Amerikanische Freundschaft“. Nur sechs Studio-Alben und neun Singles haben Robert Görl und Gabriel „Gabi“ Delgado mit DAF seit 1978 auf die Beine gestellt. „Andere Bands hätten 20 Alben geschafft“, sinniert Görl, Drummer und Komponist von DAF. Ihm ist völlig klar, woran das liegt: „Wenn der Gabi und ich ins Studio gehen, dann funktioniert das manchmal unglaublich gut. Dann ist das kreativ und energetisch.“ Aber ganz oft funktioniere es eben nicht.

DAF machen Musik seit 1978

In guten Zeiten sind „der Gabi“ und Görl ein kongeniales Duo, das mit ihrer Fusion aus Live-Drumming und Maschine, provokanter Parole und lasziver Attitüde der Herzschrittmacher des gesamten EBM-Genres ist. In schlechten Zeiten sind sie ein fragiles bis disruptives Gebilde, dessen Grad der Selbstzersetzung wohl nur vom ewigen Knatsch der Gallagher-Brüder übertroffen wird. Drei der sechs DAF-Alben erschienen in den ersten anderthalb Jahren Bandgeschichte. Der Beziehungsstatus damals wie heute: „Es ist kompliziert.“

Genau in diesem Spannungsfeld kultivieren Görl und Delgado aber etwas, das den künstlerischen Kern von DAF ausmacht: Kompromisslosigkeit. Delgado-Lopez, „der Gabi“, bringt es auf den Punkt: „Wir sind keine Freunde“, sagt er trocken bei einem, angesichts seines hedonistischen Images geradezu asketisch wirkenden Glas Wasser in der spanischen Abendsonne. Nach 40 Jahren Bandgeschichte benennt der DAF-Frontmann als wichtigste Gemeinsamkeit des Gespanns: „das Werk“. Also DAF. „Und vielleicht der Charakterzug, einen Konflikt bis zum Letzten auszutragen.“

Single, Album, Tour

Der mittlerweile in Spanien lebende Delgado und der Berliner Görl sind sich unabhängig voneinander einig, dass die sich auf das Werk beschränkende Einigkeit wesentlicher Bestandteil des Erfolgs von DAF ist. „Wir wussten immer, was DAF ist, wie DAF klingen soll“, sagt Görl. Und wenn das vereinte Werk im Studio nicht entsteht, dann eben nicht. „Das unterscheidet uns von den Bands, die pflichtschuldig alle paar Jahre ein neues Album machen“, so Delgado.

Single, Album, Tour – für all das gibt es bei DAF Zeitfenster, in denen das instabile chemische Gemisch gerade mal nicht explodiert. „Dann ist DAF wirklich großartig. Es gibt bei uns nicht diese Tourneen, wo die Musiker hinterher sagen, dass man viel Spaß im Tourbus hatte und der Rest so lala war“, meint Delgado. „Wir hatten nie Spaß im Tourbus, dafür phantastische Konzerte.“ Der viel beschworene Fußball-Teamgeist im Sinne von „elf Freunde sollt ihr sein“ funktioniere bei DAF einfach nicht. Soll er auch nicht. „Das ist dämlicher Romantizismus“, raunzt Delagdo.

Elf Freunde. Da ist sie wieder, die Vorliebe für Fußball-Vergleiche. Ein Konzert war zum Beispiel ein 4:1, wenn das Publikum sich anfangs zierte, dann aber doch noch zum ausgelassenen Tanzen zu bewegen war. Und bei DAF selbst gibt es die strikte 2:0-Regel: „Nur wenn wir beide bei DAF absolut für etwas sind, dann passiert das auch“, erklärt Görl.

Absolvent des Leopold-Mozart-Konservatoriums in Augsburg

Die 2:0-Regel und das schwierige Binnenverhältnis haben DAF daran gehindert, das Werk und sich selbst zu verraten. DAF ist seit 40 Jahren DAF. „Wenn wir als DAF zusammen Musik machen, dann gibt es nur drei Kategorien: Energie, Tabu und Artie“, meint Görl. „Artie muss man erklären. Das ist dann so ein bisschen abstrakt und verkünstelt. Der Räuber und der Prinz, zum Beispiel.“

Die textliche Komponente interessiert Görl ohnehin nur bedingt. Bei der Produktion herrscht strikte Arbeitstrennung. Görl, Absolvent des Leopold-Mozart-Konservatoriums in Augsburg und der Hochschule Graz, ist der Komponist. „Der Robert steht auch total auf diese ganzen analogen Klang-Maschinen. Ich finde das gar nicht so spannend. Bei meinen anderen Projekten nutze ich modernere Produktionsmittel“, sagt Delgado, der intuitiv arbeitende Textdichter. „Aber ich genieße das total. Bei DAF kann ich einfach nur Frontmann und Stand-Up-Poet sein.“ Er komme ins Studio und lasse sich von Görls Musik inspirieren.

Einer der legendärsten DAF-Texte wird bis dato kontrovers diskutiert: „Tanz den Mussolini“. Trotz der vor allem in der linken Szene heftig geführten Debatte fällt „der Mussolini“ für Görl nicht in die Kategorie „Tabu“, sondern gehöre zu „Energie“. Es sei Delgado beim Texten auch nicht um eine politische Botschaft gegangen.

Darüber herrscht sogar seltene Einigkeit unter den zwei Musikern. „Beim Mussolini ging es mir vor allem um den Klang. Ich bin der Erotik des Wortes verfallen. Der Mussolini… Das hat für mich so viel Energie. Und was macht man mit dem Mussolini? Man tanzt ihn. Und wenn man den Mussolini tanzt, dann muss man auch den Adolf Hitler tanzen. Und man muss den Jesus Christus tanzen!“ Ganz ekstatisch wird Delgados Stimme in der Erinnerung an diesen Moment im Tonstudio im Jahr 1981.

Wegen Mussolini in der Nazi-Szene gefeiert

Als er nach den Mussolini-Aufnahmen aus der Kabine gekommen sei, habe ihn der Produzent darauf hingewiesen, dass er da „aber ein ganz schönes Ding“ rausgehauen habe. „Uns war klar, dass das Ärger geben würde. Das fanden wir ja auch gut. Eine kalkulierte Provokation war das, eine politische Botschaft aber nicht“, sagt Delgado, der eine weitere Grundregel von DAF darlegt: „Es gibt keine politische Positionierung innerhalb des Werks.“

Insbesondere nach dem Mussolini wurden die an sich aus dem Punk-Umfeld stammenden DAF in der Neonazi-Szene gefeiert. Aufforderungen, sich von den Glatzen zu distanzieren, ignorierten die Musiker. „Als Privatmann kann ich sagen, dass ich Populismus regressiv, Nazis retrograd und böse finde, kann ich sagen, dass Gewalt gegen Schwarze falsch ist. Das Werk lässt dafür aber keinen Raum“, sagt Delgado. Das Werk wolle mit Ideen und Klängen Gefühle beim Publikum wecken – und auch Projektionsfläche sein. „Ich will mich nicht erklären. Ich bin kein Künstler, der sich neben seine Bilder stellt und sagt, dass ich das so oder so gemeint habe.“

Einmal habe Delgado das dann aber doch getan; nach einem Konzert in England, das von Neonazis überschwemmt gewesen sei. „Da habe ich mich nach dem Konzert an die Jungs gewandt und ihnen erklärt, dass sie mit ihren Glatzen und auf die Stirn tätowierten Hakenkreuzen das Dritte Reich nie überlebt hätten.“ Das in Reaktion auf den „Mussolini“ veröffentlichte Stück „Der Räuber und der Prinz“ sei der einzige Moment, an dem sich DAF bewusst politisch positioniert habe. „Diese voll verschwulte Nummer sollte auch die Nazis abschrecken.“ Geklappt hat das nicht wirklich, schon gar nicht im Ausland.

Im Herbst erscheint eine DAF-Biografie

Von besagtem Abend in England berichtet Delgado auch in einer DAF-Biografie, die im Herbst erscheinen soll. Die Autoren haben Görl und Delgado getrennt voneinander zur Bandgeschichte interviewt. Von der Gründung der Band in der Düsseldorfer Punk-Szene in Ratinger Hof bis heute. „Ich finde es schon erstaunlich, dass der Gabi da ganz andere Dinge erzählt als ich“, kommentiert Görl. Er könne sich zwar an das beschriebene Konzert erinnern, an die Ansprache Delgados vor den Nazis aber nicht.

Im Laufe der Zeit scheint das bis dato unveröffentlichte Buch ein typischer DAF-Zankapfel geworden zu sein. Stein des Anstoßes: eine Lederjacke. Oder die Geschichte, die sich darum rankt. „Angeblich hat der Gabi so eine Designerjacke in der Schweiz gekauft und damit den DAF-Modestil geprägt, also quasi im Alleingang“, echauffiert sich Görl. Überhaupt habe Delgado in den Interviews immer von „ich“ gesprochen, Görl, der sich seit mehreren Jahren zum Buddhismus bekennt, konsequent vom „wir“. Ihm hätten „die Haare zu Berge gestanden“, als er die Korrekturfahne vom Autorenduo bekommen habe.

Unter Berufung auf die 2:0-Regel stoppte Görl die Veröffentlichung des Buches. Er habe sich von Delgado überrumpelt gefühlt und sich daher ausgebeten, „einen Konter fahren“ zu dürfen. Sprich: Er durfte in Absprache der Autoren die eine oder andere Begebenheit aus seiner Sicht gerade rücken. Görl wolle die Veröffentlichung nicht generell blockieren. „Aber wir haben – oder hatten – gerade mal wieder richtig Zoff.“ Ein genaues Datum der Veröffentlichung des Buches kann der Verlag in Folge dessen noch nicht nennen und verweist darauf, es in der Abstimmung mit „zwei starken Künstlerpersönlichkeiten“ zu tun zu haben.

Umso erstaunlicher ist, dass diese zwei starken Künstlerpersönlichkeiten neues DAF-Material ankündigen. Im September soll bei Grönland Records eine aufwändig gestaltete Box mit den frühen DAF-Werken erscheinen. Darin enthalten, sozusagen als Bonus: eine Single mit zwei brandneuen DAF-Songs. Fanzines fabulieren sogar von einem ganzen Album, das in der Mache sein soll. Delgado bestätigt auch die Arbeit an dem neuen Album, sieht es aber frühestens Ende 2018 auf den Markt kommen. Wie viele Songs man schon fertig habe? „Zwei“, sagt er und lacht heiser. „Die auf der Single.“ Aber die seien gut. Voll und ganz DAF. Energetisch und kompromisslos.

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