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Courtney Barnett Sie hat bessere Wörter

Courtney Barnett langt kräftig hin bei ihrem zweiten Album „Tell Me How You Really Feel“.

Altmodisch, aber unerhört frisch. Da waren sich die Stimmen einig, als Courtney Barnett vor drei Jahren ihr umwerfendes Debütalbum „Sometimes I Sit and Think, Sometimes I Just Sit“ herausgebracht hatte. Ob des fulminant lässigen Rückgriffs auf Stilmerkmale des Grunges und Alternative Rocks der neunziger Jahre wurde die Musikerin aus dem australischen Melbourne als die große Hoffnung des Rock’n’Roll gefeiert und gar 2016 für den Grammy in der Kategorie „Best New Artist“ und die Brit Awards nominiert.

Zwischenzeitlich hat sie im vergangenen Jahr die wunderbare Duoplatte „Lotta Sea Lice“ zusammen mit dem amerikanischen Songwriter Kurt Vile herausgebracht. Das jetzt vorliegende zweite Album „Tell Me How You Really Feel“ markiert einen deutlichen Schritt vorwärts in der Entwicklung der Dreißigjährigen. So rockig das Debüt ungeachtet seiner Affinität zum Folk gewesen sein mag, Barnett langt nun entschieden kräftiger hin.

„You know it’s okay to have a bad day“: Das ist so eine typische Textzeile. Der charakteristische lakonische Grundton in Text und Musik bleibt bestimmend, doch schließt Barnett ihre Alltagsbetrachtungen nun mit einem – siehe Titel – entschieden direkteren Zugang zu ihren Gefühlen kurz. Und mehrfach, beispielsweise gleich in „Hopefulessness“, dem ersten von zehn Songs auf (vinyllangen) vierzig Minuten, mit der fabelhaften Zeile „Take your broken heart, turn in into art“, kulminieren schleppend beginnende Nummern in krachenden Sounds mit ungeahnt noisigen Gitarren.

„I’m not your mother, I’m not your bitch“: für diese Klarstellung braucht es einen die Dinge ausbuchstabierenden Zorn und eine punkhaft harsche Musik (Barnett ist im Übrigen verheiratet mit der australischen Folksängerin Jen Cloher). Da ist es vorbei mit dem Lakonischen.

„Men are scared that women will laugh at them/Women are scared that men will kill them“ – in dem Song „Nameless, Faceless“ zitiert Barnett diese markanten Worte der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood zum Verhältnis der Geschlechter: Männer fürchten sich davor, von Frauen ausgelacht zu werden; Frauen fürchten sich davor, von Männern umgebracht zu werden. An die anonymen Verfasser unflätiger Kommentare im Internet richten sich die daran angehängten Worte: „I could eat a bowl of alphabet soup and spit out better words than you“ – ich könnte Buchstabensuppe essen und würde bessere Worte ausspucken wie du.

Es geht um eine Beschreibung der Situation, immer jedoch, so hat es Barnett in Interviews gesagt, mit dem Glauben, dass eine Verbesserung möglich ist. Sie selbst nennt Patti Smith und Nirvana als Vorbilder. Mit Blick auf die empfindsame Lässigkeit darf man indes auch die Amerikanerin Liz Phair als Geistesverwandte anführen, deren zu den überragenden Alben der neunziger Jahre zählendes, vom Lo-Fi-Sound geprägtes und gut gealtertes Debüt „Exile in Guyville“ – Fügung des Zufalls – aus Anlass des 25. Jahrestages der Veröffentlichung 1993 gerade wiederaufgelegt worden ist. Selbstredend als Dreier-Boxset mit dem üblichen Bonusmaterial wie häuslich eingespielten Demoaufnahmen.

Sarkasmus und lakonischer Habitus: Die Parallelen sind offenkundig. Wenngleich freilich Barnett es sich für ihr neues Album ersichtlich vorgenommen hatte, die tieferen Gefühle hinter der Schutzschicht des Sarkasmus offenzulegen.

Courtney Barnett: Tell Me How You Really Feel. Marathon/Kobalt/Rough Trade.

Liz Phair: Exile in Guyville. Jetzt als 3-CD-Boxset unter dem Titel: „Girly-Sound to Guyville“ Matador/Beggars Group/Indigo.

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