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Contrast Trio Wohin der Kuckuck fliegt

Das Contrast Trio hat sich mit dem Album „“Letila Zozulya“ auf eine stilübergreifende Reise begeben.

Contrast Trio
Die drei vom Contrast Trio haben eine neue Musik-Gegend erforscht. Foto: Lorenz Klingebiel

Das Contrast Trio gehört zu den herausragenden Formationen der Jazz-Szene im Rhein-Main-Gebiet. Es besteht aus Yuriy Sych (p, synth), Timothy Roth (b, electr) und Martin Standke (dr, perc); demnächst wird Jan Philipp Schlagzeuger der Band werden. Vor schon zehn Jahren wurde das Trio mit dem Frankfurter Arbeitsstipendium Jazz geehrt und erhielt 2016 den Jazzpreis des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Yuriy Sych, der für die Gründung der Band die wesentlichen Anstöße gab, sieht sich dennoch nicht unbedingt als Jazz-Pianisten. Geboren und aufgewachsen ist er in Iwano-Frankiwsk in der Ukraine. Dort schloss er 2003 sein klassisches Klavier-Studium ab und zog nach Frankfurt, wo er klassisches Klavier studierte und recht bald das Contrast Quartet gründete, zu dem anfangs noch der Saxofonist Benjamin Steil gehörte und aus dem sich das Trio entwickelte.

Mit dem neuen Album hat das Contrast Trio neue Regionen betreten, in musikalischem wie auch in wörtlichem Sinn. Im Juni 2017 beluden die drei einen Van mit allerlei Musikinstrumenten – darunter Synthesizer – und reisten ostwärts. Nach Konzerten in Krakau und Lwiw ging es nach Kiew. Dort gibt es eine Filmfabrik aus den 20er Jahren. Im Orchester-Saal, der einst für die Aufnahme von Filmmusik diente, baute das Trio Instrumente und Mikrofone auf und arbeitete zwei Wochen lang. Ukrainische Musiker und Neugierige waren ständige Gäste.

Das titelgebende Stück des dabei entstandenen Albums, „Letila Zozulya“, zu Deutsch: „Fliegender Kuckuck“, basiert auf einem ukrainischen Volkslied. Bei der Aufnahme in Kiew wirkte ein kleiner ukrainischer Chor mit, der dem Stück eine sehr eigene und für zentraleuropäische Ohren durchaus fremdartige Stimmung verleiht. Die elektronischen Klänge, die die Band zu dem melancholisch-kehligen Chorgesang gesellt, nehmen dem Volkslied jegliche Tendenz von volkstümlichem Mainstream und geben ihm eine spröde Anmut.

Die deutlichste Distanz zur Jazz-Tradition sieht die Band mittlerweile im Rhythmischen, das bei ihnen weniger vom Swing beeinflusst ist als von Popmusik. „Wir hören eher Techno oder Minimal Music“, sagt Bassist und Elektroniker Timothy Roth. „Es hat bloß etwas gedauert, bis sich das in unserer Musik wiedergefunden hat.“ Es ist vor allem die Verwurzelung des Trios in der Improvisation, die die Jazz-Komponente der Musik ausmacht, aber nicht das Klangbild dominiert.

Im Hörerlebnis bietet „Letila Zozulya“ eine elegante, durchaus gewagte, aber sehr überlegt ausgeführte Gratwanderung zwischen all diesen stilistischen Komponenten – und immer wieder auch über sie hinweg. Die Musik ist von verschiedenen Hörgewohnheiten her zugänglich und hat immer wieder überraschende Eigenheiten zu bieten. Das Contrast Trio scheint in einer Gegend gelandet zu sein, die bisher noch niemand erforscht hat.

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