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Cliff Richards „Aus Sensationssucht“

Londons Oberster Gerichtshof verurteilt die unhaltbaren Vorwürfe der BBC gegen Cliff Richard scharf.

Popstar Cliff Richard gewinnt Rechtsstreit mit BBC
Cliff Richard vor dem Gericht. Foto: dpa

Der Londoner High Court hat am Mittwoch die öffentlich-rechtliche BBC scharf wegen „Sensationssucht“ getadelt und zu einer sechsstelligen Schadenersatzsumme verurteilt. Einzelrichter Anthony Mann sah es als erwiesen an, dass die überzogene Berichterstattung über einen Polizei-Einsatz gegen den weltberühmten Popsänger Cliff Richard dessen Privatsphäre massiv verletzt hatte. Der 77-Jährige hat damit seine Ehre wiederhergestellt, die durch ungerechtfertigte Vorwürfe von Sexualverbrechen gegen Jugendliche ruiniert worden war. Er sei „zu Tränen gerührt“, teilte der Künstler mit. Die BBC erwägt, Berufung einzulegen.

In dem mehrmonatigen Prozess hatte Richard selbst mehrere Tage lang ausgesagt, häufig unter Tränen. Dabei ging es um Vorgeschichte und Nachspiel eines Tages im August 2014: Live flimmerten damals Bilder um die Welt, die ein BBC-Team aus einem Hubschrauber heraus schoss. Sie zeigten Kriminalbeamte bei der Durchsuchung von Richards Haus in Sunningdale westlich von London. „Als ob ich Einbrechern dabei zuschaute, wie sie meine persönlichen Habseligkeiten durchwühlten“, beschrieb Richard den Vorgang.

Tage- und wochenlang seien anschließend seine Anwesen, darunter ein Weingut in Portugal, von Reportern belagert worden. „Mein altes Leben, lange Jahre ruhig und friedlich, war vorbei.“ Er sei in der Küche zusammengebrochen und habe auf Knien geweint, sagte Richard. „Ich fühle mich bis heute permanent beschädigt.“

Der von der Queen zum Ritter geschlagene Künstler argumentierte, die BBC habe durch ihr Eindringen in die Privatsphäre des Stars ein Ermittlungsverfahren der Kripo unzulässig aufgebauscht und um mehrere Monate verlängert. Tatsächlich reichte die Anstalt den Bericht samt Hubschrauber-Bildern für eine Preisverleihung zum „Scoop des Jahres“ ein. Die Kriminalpolizei ermittelte knapp zwei Jahre lang so erfolglos, dass die Staatsanwaltschaft wegen „unzureichender Beweise“ die Anklageerhebung verweigerte. Die zuständige Kripo in Süd-Yorkshire entschuldigte sich später „vollständig“ bei Richard und zahlte ihm 400 000 Pfund (450 000 Euro) Schmerzensgeld. Nicht so die BBC: Der öffentlich-rechtliche Sender versteifte sich auf die Behauptung, man habe „im öffentlichen Interesse“ gehandelt.

Davon könne keine Rede sein, hieß es am Mittwoch in der mündlichen Urteilsbegründung. Die BBC habe „aus Sensationssucht Richards Rechte ernstlich verletzt“, lautete Richter Anthony Manns Urteil. Von der gesamten Schmerzensgeldsumme von 210000 Pfund (235 000 Euro) entfallen 143 500 Pfund auf den öffentlich-rechtlichen Sender, der Rest auf die Polizeibehörde.

Auch zukünftig müsse Berichterstattung über polizeiliche Ermittlungsverfahren möglich sein, teilte die zuständige Abteilungsleiterin Francesca Unsworth am Mittwoch mit. Wegen dieses „wichtigen Prinzips“ werde ihr Sender womöglich Berufung einlegen. Ihren eigenen, von BBC-Kritikern geforderten Rücktritt will Unsworth erwägen, sobald sie die ausführliche Urteilsbegründung gelesen hat.

Die Sturheit ist möglicherweise im Zusammenhang mit einem vorherigen schrecklichen Versagen der Anstalt zu sehen. Über Jahrzehnte hinweg gehörte der 2011 verstorbene Moderator Jimmy Savile zu den BBC-Stars. In dieser Zeit misshandelte und vergewaltigte der zum Ritter geschlagene Entertainer mehr als 300 Kinder und Jugendliche. Die Art und Weise, wie sein früherer Arbeitgeber vor und nach Saviles Tod mit den Vorwürfen umging, hat die Glaubwürdigkeit des BBC-Journalismus massiv beschädigt. Eine interne Untersuchung förderte schwere Führungsmängel sowie „organisatorisches Chaos“ zu Tage.

Richard steht seit mehr als 60 Jahren auf der Bühne. Berühmt gemacht haben ihn weiche Popsongs wie „Congratulations“, „We don’t talk anymore“ oder „Summer Holiday“. 1957 trat der Junge aus der Londoner Vorstadt Cheshunt erstmals öffentlich auf, zunächst noch unter seinem Geburtsnamen Harry Webb. Ein Jahr später veröffentlichte er als Cliff Richard seine erste Single „Move It“, die der Beatle John Lennon als Inspiration und „erste britische Rockschallplatte“ bezeichnete.

Dabei kommt dieser Rocker rührend unmodern daher, selbst impertinente Fragen nach seinem Sexualleben hat er stets mit einem Lächeln beantwortet. Es hat keine Skandale gegeben in Cliff Richards Leben, keine enttäuschten Liebhaberinnen, keine toten Strichjungen im Swimmingpool. Als er noch vor den Kripo-Ermittlungen auf  umlaufende Gerüchte reagieren wollte, warnte ihn sein PR-Mann: „Wenn Sie an die Öffentlichkeit gehen, kommen die Leichen aus dem Keller.“ Richards Antwort spricht für sich: „Ich habe keine Leichen im Keller.“

Dies ist jetzt höchstrichterlich bestätigt.

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