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Christiane Rösinger Mir geht’s so lala

Was haben Bob Dylan und Christiane Rösinger gemeinsam? Ja, sie können beide nicht singen, haben aber gute Texte. Die Songschreiberin Rösinger gilt ungerechterweise immer noch als Geheimtipp. Hier also ein weiterer: Ihr neues Album „Songs Of L. And Hate“ ist wunderschön verzagt und deshalb hörenswert.

20.10.2010 21:41
Thomas Winkler
Die deutsche Songschreiberin Christiane Rösinger. Foto: Christina Zück

Die Popmusik neigt zum Verweis auf sich selbst. Aber selten kommt der so unverblümt daher. Ein Blick auf Christiane Rösinger neues Album genügt. Nicht nur rekurriert der Titel „Songs Of L. And Hate“ auf ein ziemlich berühmtes Album von Leonard Cohen. Auf dem Coverbild, das das noch berühmtere Album „Bringing It All Back Home“ von Bob Dylan nachstellt, nimmt Rösinger mit dunklem Jacket, weißem Hemd und Katze auf dem Schoß die historische Persona des großen Meisters an.

Dabei haben Dylan und Rösinger zumindest zweierlei gemeinsam: Erstens können sie nicht singen. Und zweitens sind auch beider Fähigkeiten an der Gitarre eher umstritten. Während Dylans Gegniedel schon manchen Konzertbesucher nachhaltig verstörte, schrammelt Rösinger nach mehr als einem Vierteljahrhundert als Musikerin immer noch wie am Lagerfeuer. Aber, noch eine Gemeinsamkeit: Es sind ja weder zünftige Riffs noch fingerfertige Gitarrensoli, das die jeweilige Anhängerschaft an Dylan und Rösinger schätzt, es ist auch kein mehrere Oktaven abdeckendes Organ, sondern in beiden Fällen vor allem die Texte.

Dass Rösingers Zugkraft nicht nur im Vergleich zum Kollegen aus den USA bislang eher überschaubar geblieben ist – das ist ungerecht. Sie gilt immer noch als Geheimtipp. Dabei ist sie – Vorsicht: Superlativ – die bedeutendste lebende Songschreiberin Deutschlands. Zugegeben, die Konkurrenz ist sehr groß nicht. Die Humpe-Schwestern haben sich irgendwann fröhlich in den Pop verabschiedet, eine Judith Holofernes ist nicht annähernd so lange im Geschäft wie Rösinger. Ansonsten wird der deutsche Rock, ob Mainstream oder Independent, nach wie vor von Männern beherrscht. Die vielen weiblichen Gesichter und Stimmen sind oft nur das: Gesicht und Stimme.

Rösinger, 49 Jahre alt mittlerweile, hat schon Songs geschrieben, als Journalisten die Kategorie Frauenband noch ganz selbstverständlich benutzten. In den frühen achtziger Jahren kam sie aus dem Badischen nach West-Berlin, in den späten gründete sie die Lassie Singers, die beste Frauenband Deutschlands... Danach schrieb Rösinger die Lieder für eine Band namens Britta.

Auf „Songs Of L. And Hate“ geht es bisweilen erstaunlich gutbürgerlich zu. Problemlos reimt Rösinger den Schrei der Verzweiflung, „Warum?“, auf „Cogito ergo sum“. Aber so kehlig, wie sie es singt, kommt man nie auf die Idee, hier posiere das Bürgertum mit seiner Bildung. Wenn, dann höchstens aus reiner Verzweiflung, weil das Studium und all die Praktika auch nur zu noch einer Patchwork-Existenz mehr geführt haben.

Rösinger ist die Chronistin dieses Niedergangs des kreativen Standes. Auch weil sie diese moderne Patchwork-Existenz bereits geführt hat, als es noch nicht grassierender Alltag war, sondern tatsächlich eine weitgehend freie Entscheidung. Einen festen Job hat sie nie gehabt, hat kaum leben können von ihren Bands, hat mit Flittchen Records ein eigenes Mini-Plattenlabel aufgemacht und wieder schließen müssen, hat 2008 einen autobiografischen Roman veröffentlicht und die ganze Zeit Artikel geschrieben für die eine oder andere Berliner Tageszeitung.

Dass sie manchmal nicht nur ein bisschen, sondern ziemlich resignativ klingt, hat aber nichts damit zu tun, dass die Lage dramatischer geworden wäre. Wenigstens nicht wesentlich. Nein, das liegt eher an Rösinger selbst: Die war schon immer so. Selbst die vorgeblich lustigen Lassie Singers waren melancholisch am schönsten. Aber hinter der Larmoyanz hat sich, wenn auch nicht allzu gut, die begnadete Beobachterin Rösinger versteckt. Ein Talent, das sie in ihren Kolumnen für die taz beständig demonstriert, und auf dem Album nicht nur in der vergifteten Hymne auf „Berlin“. Es ist die Stadt, der sie stets in einer Hassliebe verbunden war, und in der heute „die Techno-Leichen zur After-Hour schleichen“, aber auch „der Service hinkt“ und es „nach Baby-Kotze stinkt“.

Rösinger ist lange schon Mutter, schon Jahrzehnte länger als die Bionade-Bohème, die sie da so bösartig beschreibt. Ihre Tochter ist längst erwachsen und die Frau, die sie aufgezogen hat, wird immer miesepetriger. Das hat Folgen: In „Es ist so arg“ zählt sie eine Auswahl der schicken neuen Krankheiten auf, die den modernen, überlasteten Menschen befallen können, von der „bipolaren Störung“ bis zur „Altersdepression“ – und diagnostiziert schließlich „melancholische Hypochondrie“.

Aber, und das ist tröstlich und verbindet Rösinger noch einmal mit dem guten alten Dylan: Die Kunst ist keine Kopie des Lebens. Wenn Christiane Rösinger im wunderschönen „These Days“ ihre eigene Verzagtheit erklären soll, dann weiß sie das zum Glück: „Es ist doch nur“, singt sie da, „weil meine Lieder immer schon klüger als ich sind.“

Live: 30.11. Berlin, 1.12. Leipzig, 22.1. Frankfurt

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