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Christian Gerhaher Eine Offenbarung

Christian Gerhaher singt in der Alten Oper Frankfurt Berlioz' „Les nuits d'été“ kongenial begleitet vom Gustav Mahler Jugendorchester.

Christian Gerhaher. Hirochimi Yamamoto

Dreißig Jahre alt geworden ist das Gustav Mahler Jugendorchester und beendete mit einem Auftritt in der Alten Oper Frankfurt seine Geburtstagsreise. Die gegenwärtige Auslese aus 2000 europäischen Bewerberinnen und Bewerbern für die Aufführungstournee bot ein reizvolles Programm, das mit Arnold Schönbergs „5 Orchesterstücken op. 16“ von 1909 begann und mit Robert Schumanns 2. Sinfonie von 1845/46 endete. Zwei romantische Formate gewissermaßen, denn Schönbergs expressionistisch motivierte Klänge in assoziativer Formbildung haben viel Ausdruckskraft im schwebenden, weitverzweigten Melos.

Für dessen Exponierung sorgte der Leiter der Tournee, Daniel Harding, der 1975 in Oxford geboren wurde und als Assistent von Simon Rattle und Claudio Abbado begann. Dem heute vor allem in Frankreich, Schweden und in London viel beschäftigten Dirigenten lag viel an plastischer Klangsprachlichkeit dieser für die Musik des 20. Jahrhunderts so wichtigen, kurzen Stücke. Farbe, Klangfluss und gestisches Potential der Motiv-Evolutionen auf engstem Raum kamen in hervorragender Qualität zu Gehör. Angesichts der riesigen Orchesterbesetzung eine besondere Leistung.

Der andere, ganz in tradierten Formsetzungen gefasste Romantiker hatte sich einer zwiespältigen Belebungskur zu unterziehen. Einerseits gab es, gleich zu Beginn und dann im langsamen Satz sowie im Trio fein ausphrasierte, dem unendlichen Gefühl und seiner retrospektiven Haltung gemäße Artikulationen. Die Streicher, die Holzbläser des Ensembles dabei in glänzender Verfassung. Schumanns dynamische und dramatische Passagen dagegen litten manchmal unter einem knalleffektlichen Repetitismus. Wie überhaupt Harding bei Forcierungen gerne zu sich versteifenden Überforcierungen neigt.

Höhepunkt des Programms waren „Les nuits d’été“, die „Sommernächte“ von Hector Berlioz, gesungen von Christian Gerhaher. Warum ist dieser Sänger hier kein Mezzosopran, mochte mancher sich denken: diese unerhörte Gerhaher-Artikulation mit allen Facetten, die in den sechs Liedern zwischen Versonnenheit, Resignation, nachhörendem Innehalten und träumerischer Erhebung hin und her geht.

Die tiefe Fassung der Stücke war nicht optimal, denn der Ambitus geht für diesen Bariton etwas zu weit nach unten. Macht nichts – denn Gerhahers Vokalgestaltung hätte auch noch im ganz Tonlosen, zu dem es natürlich nicht kam, alle Kraft, die Aufmerksamkeit eines jeden Zuhörers zu fesseln. Orchester und Dirigent waren kongeniale Partner: eine Offenbarung.

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