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Choreografen-Wettbewerb Sie streicheln und sie schlagen sich

Eindrücke vom 32. Internationalen Wettbewerb für Choreographie in Hannover, ausgerichtet von der Ballettgesellschaft.

Tanzend lustig zu sein, mittels Bewegungen Pointen zu setzen, ohne Sprache Scherze zu machen, das ist richtig schwer. Und überhaupt geht die Tendenz im Tanz fast immer zum Ernsthaften, bedeutungsvoll Dunklen. Fast zwangsläufig erhielt also das einzige witzige Stückchen des jüngsten Choreografenwettbewerbs der Ballettgesellschaft Hannover den Publikumspreis. Choreograf Connor Scott und sein Mittänzer Joey Barton wussten mit ihrem präzisen und doch lässig wirkenden Timing das Publikum im Theater am Aegi punktgenau zum Kichern zu bringen. Es überraschte nicht, dass Connor Scott Brite ist; es überraschte allerdings, dass er unter 18 Teilnehmern der einzige war, der auf Humor setzte.

Am Wochenende fand der bereits 32. „Internationale Wettbewerb für Choreographie Hannover“ statt. Dieser Wettbewerb um Geld- und Produktionspreise ist nicht nur alteingesessen, sondern auch ungewöhnlich aufwendig. Denn die teilnehmenden, von einer Vorjury diesmal aus rund 300 Bewerbern ausgewählten Choreografen reisen zum Beispiel auch aus Hongkong, Russland, China an – und wenn sie Pech haben, bricht sich ein Tänzer das Fersenbein, ist ein anderes Visum so schnell nicht zu erhalten, und müssen sie, wie Zhoren Xiao, mit einem in Berlin lebenden Landsmann das Stück ganz schnell neu einstudieren. Es lohnte sich, für ihn und das Publikum: der Chinese kam mit seiner Choreografie „Relationships“ auf den zweiten Platz. Eine schwankende, eindrucksvoll nuancierte Beziehung wird da getanzt.

Doch überhaupt ging es in diesem Jahrgang fast nur um (Liebes-)Beziehungen; Stücke für mehr als zwei Tänzer sind zunehmend rar. Das ist leider durchaus ein Zeichen dafür, dass vielen jungen Choreografen (um hier teilzunehmen, darf man maximal 35 sein) nur sehr begrenzte Mittel zur Verfügung stehen, sich auszuprobieren. Oft choreografieren sie darum für sich selbst und lediglich eine zweite Person – selbst getanzte Soli sind übrigens nicht zugelassen.

An großen Häusern hat der Nachwuchs noch eher eine Chance, auf sich aufmerksam zu machen, etwa im Rahmen von Abenden, die aus dem Ensemble heraus gestaltet werden. So merkte man auch, dass der mit dem ersten Preis bedachte Philippe Kratz, engagiert beim italienischen Aterballetto in Reggio Emilia, bereits Erfahrungen sammeln konnte. Was an der geschmeidigen Professionalität seiner Choreografie „O“ erkennbar war, die aber dennoch eine eigene Bewegungsfärbung hatte. Der individuelle Farbton entscheidet letztlich über die Preiswürdigkeit eines Werkes.

Dies noch ein wenig stärker bei der Kritikerjury (die Verfasserin gehört dazu) als bei der Bewertung der arrivierten Kollegen (das waren dieses Jahr Nanine Linning, Jörg Mannes, Marguerite Donlon, Johannes Öhman, die in Spanien eine eigene Company führende Adriana Pous). Die Kritiker kürten jedenfalls das sicherlich sperrig-ausgefallenste der Duette, das der Israelis Gil Kerer und Korina Freiman: „Nice to Beat You“ setzt die kuriosesten Glieder-Winkel und -Verrenkungen gegen kleine alltägliche Bewegungen wie etwa ein schnelles Streicheln oder Anschmiegen. Auch musikalisch gehen die beiden keine Kompromisse ein, lassen es zwölf Minuten lang ziemlich enervierend quietschen und schrappen.

Es ging noch ein bisschen rabiater (mit Ohrfeige: „Pardon“ von Tracy Wong Choi Si und Mao Wei), es ging meditativ („An Excerpt of a Concept on Ritual and Monotony“ von Max Levy) und mit viel Zucken, Zappeln, offensichtlicher Melancholie („Before You Say It“ von Sade Mamedova). Sogar ein kafkaeskes Duo plus Matratzentanz war im Angebot („Die Verwandlung“ von Beatrice Panero). Nur die Russin Mamedova kam von diesen vier in die Endrunde – es lag wohl an der teils allzu abgehangenen, allzu vertrauten Bewegungssprache der anderen Bewerber.

Vergangenes Jahr hatte der Taiwanese Hung-Chung Lai den Kritikerpreis erhalten, diesmal zeichnete ihn die Jury der Profis mit dem dritten Preis aus. Das Duo „Birdy“ kommt mit einer langen elastischen Feder als „Requisite“ aus, befestigt auf dem Kopf der Tänzerin. Aber der Choreograf betreibt eben gerade keine Vogelmimikry, er deutet Tierbewegungen nur zart und sparsam an und erzählt eigentlich eine bis ins Detail stimmige, leicht verrätselte Beziehungsgeschichte.

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