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Charlie Winston Damit eine neue Form entsteht

Charlie Winston entscheidet sich auf seinem Album „Square 1“ für Tanzbares und fürs große Arrangement.

Baden gegangen ist Charlie Winston mit ?Square 1? nicht.

Mehr als drei Jahre sind seit dem letzten Album „Curio City“ von Charlie Winston vergangen. In einer Schaffenspause übernahm der Singer-Songwriter die Rolle des jungen Vaters, die ihn „mit der ultimativen Zerbrechlichkeit als vergänglicher Sterblicher auf dieser Erde konfrontierte“ und ihn dazu trieb, „seine Zeit mit echten Prioritäten zu verbringen“, wie er sagt.

Der in Cornwall geborene Musiker hatte seinen großen Durchbruch 2009 mit „Like a Hobo“. Mit Gitarre, Weste und Hut zog er im Videoclip durch karge Landschaften, um dort dem Leben und sich selbst zu begegnen. Seine gesellschaftskritische Seite zeigte er in Songs wie „In Your Hands“ (2009), wo er mit Tanzensemble auf dem Sozialamt für Erlösung von Oben betet, oder in „Say Something“ (2015), in dem er sich für die Flüchtlingshilfe einsetzt. Die Songtexte zeugten dabei immer von einer tieferen Auseinandersetzung mit der Welt. In „Say something“ heißt es etwa, „Say something / Let us share the weight / A single word could be enough / To pull us from this state“: im Video sind flüchtende Menschen in Schlauchbooten auf dem Mittelmeer oder an Grenzübergängen zu sehen.

Nun ist in diesen Tagen sein viertes Album „Square 1“ erschienen, wobei es sich um eine Art Rückbesinnung auf das Startfeld (Return to Square One) handele, so der Künstler. Die erste Single-Auskopplung „The Weekend“, hat zunächst jedoch ein gänzlich anderes Sujet als den Appell an die Menschlichkeit: dem Hedonismus und der Leichtigkeit des Lebens frönend, geht es doch schlicht darum, am Wochenende abzutanzen. Doch auch auf „Square 1“ werden wieder die großen Themen des Lebens aufgegriffen (und gegen das Abtanzen ist ja auch nichts einzuwenden). Im Song „Airport“ widmet sich Winston erneut der Flüchtlingsthematik und „Until Tomorrow“ ist eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Buddhismus. Die perfekt durchproduzierten Songs, die stets mit den Besten der Besten eingespielt wurden, scheinen ein Wechsel zwischen Weltschmerz und Lebensbejahung zu sein.

Der mittlerweile 40-jährige Winston, der zu Beginn seiner Karriere von Peter Gabriel (Genesis-Gründungsmitglied) protegiert wurde und schon mit vielen namhaften Produzenten wie etwa Tony Berg (Beck) zusammenarbeitete, zeigt einmal mehr seine Vorliebe für Musik aus aller Welt, auch wenn er sich selbst nicht als Weltmusiker versteht. Auf „Sqare 1“ hat er afrikanische Tabla-, Kora- und Marimba-Sounds einbezogen, Klänge, die ihn schon in der Kindheit begeisterten. Diese Musikelemente sollen eine natürliche Komponente seiner Songs sein – mehr als eine Hommage an Weltmusik. Und das hat funktioniert: „The Weekend“ hört sich an, als müsste das Stück einfach so sein. Man möchte tanzen. Darin Musik-Kolonialismus zu sehen, würde auf die falsche Fährte führen, vielmehr handelt es sich um musikalische Integration.

Charlie Winston verbrachte längere Zeit seines Lebens in Frankreich, wo er auch seine ersten großen Erfolge feierte und dort schon auf vorderen Chart-Plätzen zu finden war, noch bevor man ihn in Deutschland kannte. Wegen seines bohemistischen Stils wurde er zur Muse der Modewelt, unter anderem für Jean Paul Gaultier, und war auf Plakaten in der Galerie Lafayette in Paris zu sehen. Der Allroundmusiker, der noch auf „Curio City“ bis auf das Schlagzeug alle Instrumente selbst einspielte, das Album selbst produzierte und die Songs selbst schrieb, hat sich für sein neues Werk für das genaue Gegenteil entschieden und so ist „Square 1“ im großen Arrangement entstanden. Das Album repräsentiert die Weiterentwicklung eines Künstlers in den besten Jahren seines Lebens.

Als mehr als eine Rückbesinnung, versteht man unter „Back to Square One“ auch ein Geduldspiel, ähnlich dem Rubik’s Cube. Ausgehend von einem Würfel werden die verschiedenen Komponenten so verdreht, dass eine neue Form entsteht. Das Ziel des Spiels ist es dann, die Form des Würfels wieder herzustellen. Vielleicht wurde bei der Titelwahl des Albums eben jenes Spiel gespielt.

 

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