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CDs Ein Geist und all die Wolken

Fünf neue hörenswerte Musikalben, manche auf Inseln entstanden, alle aber gewissermaßen abgehoben.

Noah Slee.
Ein Neuseeländer in Berlin: Noah Slee. Foto: Wilk

Ghostpoet - Dark Days + Canapés

Singen kann man das eigentlich nicht direkt nennen, was Ghostpoet (alias Obaro Ejimiwe) in seinen Songs macht. Es ist eher ein Raunen, ein reichlich affektiertes Sprechen, und es geht stets um Befindlichkeiten, um die Suche nach Orientierung, um Skepsis. „Stuck in my corner of doubt“, singt der 34-jährige Brite mit nigerianischen Wurzeln auf seinem vierten Album. Oder: „Paralyzed I’m ready for the road“.

Aber hörenswert ist es allemal. Sehr zurückgelehnte Musik begleitet seine philosophischen Betrachtungen – Piano, glitzernde Gitarrenklänge, mal schillernde, mal flächige Synthiesounds, es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Im wunderbar schwebenden „Blind As a Bat“ lässt Produzent Leo Abrahams, der schon mit Brian Eno arbeitete, die Streicher experimentieren, einander überlagern, inspiriert vom 1991er Talk-Talk-Album „Laughing Stock“. Und in „Freakshow“ integriert er „das manische Lachen eines Gospelchores“ – das muss man aber vorher wissen, um es herauszuhören, und dranbleiben. Aber es lohnt sich.

Philipp Dittberner - Jede Nacht

„Lass uns die Wolke 4 bitte nie mehr verlassen“, sang Philipp Dittberner vor zwei Jahren, von Wolke 7 sei er zu tief gefallen. „Das ist dein Leben“, sang er, und: „In deiner kleinen Welt“. Als Großmaul konnte man den Berliner Singer-Songwriter also schon auf seinem ersten Album „2:33“ schwerlich bezeichnen, und ebenso kommt er jetzt auf dem Zweitwerk „Jede Nacht“ herüber: freundlich, sympathisch, zurückhaltend.

„Guten Morgen Abenteuer, ich hab ziemlich gut geschlafen“, geht das Titellied los, aber keine Angst, Philipp will jetzt nicht die Welt erobern – er bleibt auch mit 27 lieb und melancholisch, aber dabei in seinen Liedern auch flott und radiotauglich. Weiteren Goldenen Schallplatten und ausverkauften Tourneen dürfte nichts im Weg stehen. Termine unter anderen: 14.10. Frankfurt, 17.10. Berlin.

Lilly Among Clouds - Aerial Perspective

Eine junge Würzburgerin hat sich mit ihren Liedern auf den Weg gemacht, sie heißt Elisabeth Brüchner, und sie hat eine sehr schöne, besondere, abwechslungsreiche Stimme. Als Lilly Among Thorns startete sie, als Lilly Among Clouds veröffentlichte sie 2015 eine EP, und jetzt ist ihr erstes Langspielalbum da – passenderweise mit dem Titel „Aerial Perspective“, also Luftperspektive; weil: Aus den Dornen in die Wolken hat sie sich ja namentlich aufgeschwungen.

Die elf neuen Stücke sind mal getragen, mal flott, aber meist getragen, sie bieten Platz für einfallsreiche, sparsam eingesetzte Begleittöne und mehrstimmigen Gesang. „Awake“ hat das Zeug zum Lieblingslied. Lilly Brüchner hatte nach eigenen Angaben nie Gesangsunterricht und ist froh darüber, dass sie sich selbst ausprobieren konnte: „Dann bist du freier in deinen Entscheidungen.“ Bald geht sie auf Tournee und singt unter anderem in Berlin (29.8.) und Frankfurt (17.11.).

Noah Slee - Otherland

Die herrlich tumulthafte Soulparty der 70er Jahre, die wummernde Dancefloor-Orgie der 90er, die unsterbliche Schmalzballade – all das und noch mehr hat Noah Slee in die 17 Tracks seines Albums „Otherland“ gepackt. Mit Gastmusikern, allen erdenklichen Rhythmen und mit einer ordentlichen Portion Tiefe.

In Neuseeland aufgewachsen, in Berlin angekommen, erzählt er auf dem Album tagebuchartig über seinen Weg, seine Weiterentwicklung, seine Selbstfindung und ja, auch sein Coming out: Das Stück „Told“ sei „eine Ode an sich selbst, ein Strom des Bewusstseins, in dem sich Noah als homosexueller Mann akzeptiert“, lässt die Agentur des Künstlers wissen. Aber keine Angst: „Told“ ist, wie das ganze Album, auch einfach coole, tanzbare Musik, die man sich anhören kann, ohne gleich sein ganzes Leben reflektieren zu müssen.

Jonah - Wicked Fever

Schon ein paar Tage auf dem Markt ist „Wicked Fever“, das Debütalbum des Berliner Duos Jonah. Die beiden jungen Männer sind nicht die ersten, die durch eine Fernsehwerbung bekannt wurden, hier: die Telefon-Reklame, die 2014 ihr Lied „All We Are“ verwendete.

Und sie wollen natürlich zu jenen gehören, die die Chance nutzen und berühmt bleiben. Ihr Album ist oft sanft und träumerisch, auch mal ein bisschen stürmisch, so wie die Kanarische Insel, auf die sie sich zum Schreiben zurückzogen – ohne Telefonempfang angeblich. Jetzt sind die beiden Musiker wieder hier und demnächst auf Tour, am 17. September in Frankfurt, zehn Tage später in Berlin.

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