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CD Wenn wir es dann haben ...

Jorja Smiths famoses Debütalbum „Lost & Found“ verweigert sich den Klischees.

Jorja Smith
Selbstfindung, Weiterentwicklung: Jorja Smith. Foto: Sony Music

Dieses Album fällt aus dem Rahmen – denn es besteht mehr oder weniger nur aus Balladen. Was für das Genre, in dem es sich bewegt, ungewöhnlich ist. Nachdem Jorja Smith 2016 ihre erste Single „Blue Lights“ via Internet veröffentlicht hatte, überschlug sich die einschlägige internationale Poppublizistik – Stichwort Leitmedium „Pitchfork“ – nach bekanntem Muster. Besonders auch die Stimme der jungen, in London lebenden Sängerin und Songschreiberin aus den englischen West Midlands hat ein breites Spektrum von Vergleichen auf sich gezogen, von Amy Winehouse (nicht unpassend) bis Adele (ziemlich abwegig). Nun liegt das Debütalbum vor, „Lost & Found“ heißt es, und es bestätigt, dass es sich bei der heute 21-Jährigen tatsächlich um eine famose Musikerin von eigenem Rang handelt.

Will vor allem heißen: sie bewegt sich klangsprachlich im Rahmen des R & B, gängige musikalische Klischees indes bedient sie mitnichten. Vielmehr ist sie der Riege der jungen Frauen zuzurechnen, die gerade dabei sind, das Genre neu zu definieren, wie FKS Twigs oder SZA.

Das – ungeachtet seiner Thematik racial profiling – in seiner Art lässige „Blue Lights“, das sich hier wiederfindet, ist die einzige Rapnummer auf einem ausgesprochen souligen Album. Es ist viel des Sehnens und der Schwermut in der dunklen und warmen, immer etwas brüchig klingenden Stimme. Schwermut, aber keine Schicksalsergebenheit. In einer singer/songwriterhaften Art handeln die Texte von Wirrnissen der Liebe, von Verlust und Tod und Zweifel.

„Lost & Found“: da hallen Erfahrungen aus der Teenagerzeit nach, im Zeichen eines Prozesses der Selbstfindung und Weiterentwicklung. Im Wissen, dass es ein Ankommen wo auch immer nie geben wird – fern der Larmoyanz. „We all want a teenage fantasy, want it when we can’t have it; when we got it, we don’t seem to want it“, heißt es in „Teenage Fantasy“.

Eine markante Rolle in den Arrangements der zwölf Songs in kompakten 46 Minuten spielt häufig das Klavier. Mal zentral, manchmal auch nur mit ein paar wiederkehrend beiläufigen Akkorden. Ohne Überladung üppig mit Streichern versehen stellt sich der von der Angst vor einer Bindung sprechende Song „The One“ dar. „Where Did I Go“ sticht als die einzige veritable Tanznummer hervor.

Etliche Stücke, gerade zum Schluss hin, sind ziemlich karg instrumentiert. Etwa die Gitarrenballade „Goodbyes“ – leider mit störenden Rutschgeräuschen der Finger der Greifhand, was in Popproduktionen nur zu gerne mal fälschlicherweise als Qualitätsausweis herausgestellt wird, wie ein vermeintliches Merkzeichen von Virtuosität.

Eine – erfreuliche – Auffälligkeit: Es gibt nicht einen einzigen der heute sonst so marottenhaft-epidemischen Gastauftritte berühmter Kollegen auf diesem Album, obwohl Jorja Smith sicherlich offene Türen eingerannt hätte, schließlich hat sie schon mit Drake und Stormzy und Kali Uchis zusammengearbeitet, und mit Kendrick Lamar, der sie für den Soundtrack zu dem Film „Black Panther“ engagiert hatte. Einzig die hinreißend stark zwischen Coolness und Emotionalität oszillierende Stimme von Smith – alles andere hätte bloß abträglich sein können.

Auf die weitere Entwicklung darf man gespannt sein. Im vergangenen Jahr jedenfalls hatte Jorja Smith gemeinsam mit dem Produzenten Preditah die Single „On My Mind“ hervorgebracht, eine Nummer im Stil des UK Garage – eine ganz andere Geschichte also.

Jorja Smith, Lost and Found. The Orchard/Sony.

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