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Cat Power Nicht mehr so hart am Rand des Abgrunds

Cat Powers famoses neues Album „Wanderer“

Cat Power
Cat Power aka Chan Marshall. Foto: Eliot Lee Hazel

Zuletzt hatte die als Cat Power firmierende Chan Marshall das für sie atypisch poppige, in Nähe zum Tanzboden durch elektronische Beats geprägte Album „Sun“ veröffentlicht. Das ist sechs Jahre her und sie sagt heute, dass sie auf diese in den Hitlisten erfolgreiche Platte stolz sei. Freilich hat sie sich von ihrer Plattenfirma, dem renommierten New Yorker Indie Matador getrennt, weil sie sich dort zu hohen Erwartungen an eine kommerzielle Einträglichkeit ausgesetzt sah.

„Wanderer“, ihr nun vorliegendes zehntes Album, ist Marshall zufolge bei Matador wegen einer angeblich nicht ausreichenden Aussicht auf Verkäuflichkeit abgelehnt worden und nun beim Label Domino erschienen. Die große amerikanische Sängerin und Songschreiberin hat sich fürs Erste wieder auf einen folk- und bluesnahen, akustisch orientierten Stil besonnen, für den sie vor allem bekannt ist – ihr Weg seit dem Lo-Fi-Rock des Debüts „Dear Sir“ von 1995 ist durch etliche Hakenschläge, auch in Richtung Americana, gekennzeichnet.

In einer fatalen Art denkwürdig sind Auftritte, die wegen Alkoholsucht und Drogenproblemen oder Nervenzusammenbrüchen abgebrochen werden mussten und solche, die sich, wie zuletzt auch 2014 im Frankfurter Mousonturm, immer hart am Rand des Abgrunds bewegten. Offenbar scheint man aber nicht mehr um Chan Marshall bangen zu müssen. In der Zwischenzeit hat die aus Atlanta, Georgia stammende, seit ein paar Jahren in Miami lebende 46-Jährige ein Kind bekommen; die zehn Songs des von ihr selbst produzierten Albums handeln von ihrer Läuterung und vom Leben im Allgemeinen, von Freundschaften und den üblen, für Frauen unguten Seiten der Männlichkeit sowie der neu gefundenen inneren Kraft.

Verschiedentlich sind Streicher im Spiel, sie sind dezent eingesetzt und ändern nichts am Eindruck einer kargen Instrumentierung mit Hang zu einer schleppenden atmosphärischen Flüchtigkeit. Fundamental tragend ist im einen Song die Gitarre, im nächsten das Klavier. Marshall ist auch bekannt als eine fantastische Großmeisterin der Anverwandlung popgeschichtlich kanonisierter Perlen bekannt; diesmal gilt die einzige Coverversion Rihannas Hitnummer „Stay“, in einer – wie anders? – im Tempo massiv reduzierten Fassung.

Das eingängige „Woman“, mit Lana Del Rey als Duettpartnerin, kündet explizit von einer Selbstbehauptung als Frau: „Your money’s like a weapon, a tool to get me/(...)/Well my money is my weapon/a tool for me“ – frei übersetzt und kurz: ich bleibe lieber unabhängig, als mich von dir und deinem Geld vereinnahmen zu lassen. Erstaunlicherweise muss man sehr genau hinhören, um die beiden Stimmen unterscheiden zu können: hier die Folksängerin, da der Popstar, der selbstbewusst und offensiv mit den mythisch-nostalgischen, klassischen weiblichen Zuschreibungen als Projektionsfläche für die Männer spielt.

Das neue innere Fundament – in Interviews erzählt die alleinerziehende Mutter, dass sie nun, mit ihrem Sohn, endlich glücklich sei – drückt sich auch in einer nuancenhaften Veränderung der zwar nach wie vor charakteristisch brüchigen, dunkel timbrierten, aber lange nicht mehr so zerbrechlich wirkenden Stimme aus. Nein, man muss nicht unbedingt leiden, um große Kunst hervorbringen zu können.

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