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Burt Bacharach in Berlin Im Labor des Melodienmachers

Der legendäre Komponist von „Raindrops Keep Fallin’ On My Head“ zelebriert seine Songs bei seinem einzigen Deutschlandkonzert.

Erstes Deutschland-Konzert des Musikers Burt Bacharach
Burt Bacharach im Admiralspalast in Berlin. Foto: Gregor Fischer (dpa)

Der Konzertabend begann, wie er für viele Musiker nicht in jedem Fall endet, mit stehenden Ovationen. Als der inzwischen 90-jährige Burt Bacharach in schiefer, aber nicht gebeugter Körperhaltung die Bühne des Berliner Admiralspalastes betrat, brandete ihm ein warmer Applaus entgegen – allein dafür, dass er gekommen war. Als erstes und einziges Deutschlandkonzert war der Auftritt angekündigt worden, aber zur Begrüßung stellte Burt Bacharach klar, dass er schon einmal da war. Damals mit Marlene Dietrich, kurz nach dem Krieg. Für alle, die es nicht so genau wussten – aber das waren wohl nur sehr wenige –, rückte das schon einmal die zeitlichen Dimensionen zurecht, die es musikalisch zu verhandeln gab.

Das klingt ein wenig akademisch, aber tatsächlich führte Burt Bacharach seinem nicht mehr ganz jungen Publikum einen Querschnitt seines musikalischen Schaffens vor, das einmal als Easy Listening verschrien war, inzwischen aber mühelos als kompositorisches Jahrhundertwerk identifiziert werden kann.

„What the World Needs Now Is Love“, hinreißend gesungen von Josie James, eröffnete den Reigen von Bacharach-Klassikern, die ihren festen Platz im kulturellen Klanggedächtnis haben. Selten mit Titel und Interpret, aber schon nach wenigen Takten erkennt man die Melodie, und sei es auch nur, weil es die Musik der Generation der Eltern war, der man als Teenager nicht auszuweichen vermochte. Bacharach-Songs wie „Is this The Way To San Jose“ oder „I’ll never Fall In Love Again“ (1969 gesungen von Dionne Warwick sowie Bobby Gentry) gehörten nicht zum Repertoire, das emphatisch in sich aufnahm, wer in den siebziger Jahren oder später musikalisch sozialisiert wurde. Aber es war der Sound, der schon da war und für viele heute erst seine klangliche Vielfalt freizugeben vermag, weil man sich nicht mehr mit allzu engen Genrevorlieben abgeben muss.

Das war es wohl auch, was Burt Bacharach, den Klangperfektionisten, schließlich aus dem Studio trieb und auf die Bühne brachte. Es war sehr anrührend, wie er nach den jeweiligen Vorträgen der Solisten – vor allem gegenüber den grandiosen Jon Pagano und Donna Taylor – das Bedürfnis zu verspüren schien, diese ausgiebig zu herzen.

Den stärksten Part des Abends bildete die Warwick-Phase, Songs die Burt Bacharach und der im Jahr 2012 gestorbene Hal David für ihre Muse und Sängerin Dionne Warwick geschrieben hatten; darunter „Anyone Who Has A Heart“, „Don’t Make Me Over“ und „I Say a Little Prayer“ oder auch „Walk On By“, das später noch einmal erfolgreich von den Stranglers und von Seal gecovert wurde.

Donna Taylor, Jon Pagano und Josie James sangen solo oder unterstützten einander mehrstimmig, und in der Soundfülle wurde so ganz beiläufig klar, dass einige der größten Songs des amerikanischen Soul aus der Feder des weißen Soundfricklers Burt Bacharach stammen.

Im Verlauf des Abends kamen die Musical-Stücke dran („Raindrops Keep Falling On My Head“, „What’s New, Pussycat“), eher jazzige Einlagen, viel Big-Band-Sound sowie erst vor einigen Jahren entstandene Titel aus der Zusammenarbeit mit Elvis Costello. Letztere stehen insbesondere auch dafür, dass der klangbesessene Burt Bacharach nicht zuletzt ein Komponist war, der die Verfertigung eines musikalischen Produkts als Ergebnis einer Kooperation verstand. Das Konzert war so auch weniger eine Gala als eine Art Laborbericht zu einem Jahrhundertwerk mit hoher emotionaler Dichte. Leicht zu hören, schwer zu machen.

Den größten Beifall gab es natürlich für die Sangeseinlagen von Burt Bacharach selbst, der mit brüchiger Stimme „A House Is Not A Home“ oder auch „Alfie“ derart zum Besten gab, als hätte Tom Waits sich verordnet, ausschließlich im Flüsterton oder mit Kopfstimme zu singen. Bei einigen Stücken spielte Oliver Bacharach am E-Piano, ein Sohn aus vierter Ehe, neben dem stolzen Vater. Das hymnische Finale war „That’s What Friends Are For“ vorbehalten, ehe sich das Publikum die „Raindrops“ als Rauswerfer selbst singen sollten.

Kitschig? Na klar. Aber auch eine Art musikalische Rückholung, nach der man glücklich summend in die Berliner Nacht entschwand.

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