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Brockdorff Klang Labor Melancholie ist die neue Wut

Was Pussy Riot auslöst, schafft Slime nimmer mehr: Protest funktioniert nur noch im Ausland per Punk – hierzulande lohnt sich eher, beim Leipziger Elektro-Trio Brockdorff Klang Labor genauer hinzuhören.

Sie meinen es ernst: Brockdorff Klang Labor

Protest, Rebellion, Aufruhr – dass das tatsächlich noch einmal mit Punkrock funktioniert, hat uns alle überrascht. Ein Punkband, die in ihrer Heimat und sogar bis in konservative Kreise in Deutschland heftige Abwehr auslöst? Das hatte man für unmöglich gehalten, 35 Jahre, nachdem die Sex Pistols in England mit „Never Mind the Bollocks“ der Mutter aller Punkplatten veröffentlichten. Was von der in Vinyl gepressten Wut und Rebellion übrig blieb, konnte die Queen im Sommer höchstpersönlich bei der Londoner Olympiagala begutachten, in die Schnipsel der Platte eingebaut waren. Das waren noch Zeiten, 1977, als man einer Königin das Thronjubiläum verderben konnte, indem man sie als „fascist regime“ besang.

In Russland dagegen wirkt Majestätsbeleidung noch, und das war die Überraschung: Vom Aufruhr, den die Mädchenpunkband Pussy Riot da auslöste. Können hiesige Punkbands nur noch träumen. An der Musik der wechselnd besetzten Frauenband, die sich an der US-Grrrl-Punk-Bewegung der frühen 90er orientiert, lag das freilich kaum. Die Kostproben bei YouTube – mit Titeln, die übersetzt „Kill the Sexist“ oder, dieser Tage frisch veröffentlicht, "Fuck You Putin" heißen – offenbaren Oldschool-Punk mit viel Wut und Gekreisch sowie Ausschlägen Richtung Heavy Metal– insgesamt eher auf dem Punk-Standard der frühen 80er.

„Free Pussy Riot“ und 30er-Jahre-Slogans

Dass man damit, wie gesagt, in Deutschland nicht mehr für Aufsehen sorgt, belegt passenderweise ein frisch erschienener Solidaritäts-Sampler zugunsten des Unterstützerfonds der Moskauer Mädels: „Free Pussy Riot“ (FAMED Records) sieht auf dem Cover – logo, die Sturmhaube – wunderbar punkig aus, doch wenn sich Deutschpunkbands wie Hausvabot mit Refrains wie „Fette Bäuche und Hungerlöhne – es ist zum Ausrasten“ abmühen, ruft eben keiner mehr die Polizei. Weil aber sogar Die Ärzte eine (offenbar uralte) Liveaufnahme und die Hamburger Ska-Punks Rantanplan ihr „Commandante“ beisteuern, erkennt man zumindest: Deutscher Punk ist seit Jahrzehnten einerseits bei der Selbstironie und andererseits beim Blick über den nationalen Tellerrand hinaus.

Das überfordert leider die meisten Bands der Nische, sogar Ur- und Überväter des Polit-Punks wie Slime. Gelang es ihnen 1993 mit ihrem Album „Schweineherbst“ noch kolossal, den aggressiven Nationalrausch des frisch wiedervereinten Deutschlands anzuprangern, so scheitern sie auf ihrem neuen Werk, dem ersten nach 18 Jahren, an der Weltlage. „Sich fügen heißt lügen“ (People You Like Records/EMI) preist das Label zwar als „des Bürgers Albtraum“ an, als Reaktion auf auf Occupy-Zeitalter und „eine Welt außer Rand und Band“.

Doch den einst so textgewaltigen Slime fiel nur ein, 14 Songs lang auf Texte von Erich Mühsam zurückzugreifen – dem 1934 von den Nazis ermordeten Dichter und Anarchisten. Das führt zu röhrenden Slogans wie „Wir geben nicht nach“, „Freiheit in Ketten“ oder „Wenn die Banker über Leichen gehen“. Aber klingt so zeitgemäßer Protest? Die Musik schließt die Lücke jedenfalls nicht. Bezeichnenderweise klingen die Sex Pistols – auch dank des Remasterings der Originalbänder – auf dem gerade erschienene Jubiläumspaket zum 35. Geburtstag von „Never Mind the Bollocks“ (Universal) deutlich frischer: nicht zuletzt, weil all die Wut authentischer klingt.

Und heute? Als das Popkulturmagazin Spex und das Internetradion Byte.FM im vorigen Jahr einen Wettkampf um den besten Protestsong ausschrieben, da gewann: eine Elektro-Ballade. Über einem hypnotischem Loop, düsteren Synthesizern und tanzbaren Beats singt eine süße Frauenstimme.

Die Band heißt Brockdorff Klang Labor, kommt aus Leipzig, und der Song, der laut Jury am besten leistet, was ein Protestsong heute leisten muss, heißt „Festung Europa“. Wut ist darin nicht zu hören, jedenfalls keine unverstellte. Andererseits: Wie, wenn nicht mit einer traurigen Ballade über den verblassenden Traum vom Haus Europa soll man dagegen protestieren, dass ein Friedensnobelpreisträger sich abschottet und zusieht, wie Krisenflüchtlinge vor seinen Stränden ertrinken? „Komm näher“, flirtet die helle Stimme von Sängerin Nadja von Brockdorff, „was du auch denkst: Es ist ein Wert, nicht ein Geschenk.“ Nicht nur musikalisch wird Kraftwerk zitiert: „Europa, endlos“, träumt der Song am Ende, und bei aller Kraft der Bässe klingt das alles vor allem melancholisch. Ist das der Protestsong des digitalen Zeitalters, nach der Wut und der Ironie.

Der Punk hat seine Schuldigkeit getan

Dieser Tage ist nun das komplette, bereits zweite Album des Brockdorff Klang Labors erschienen – „Die Fälschung der Welt" (ZickZack/Indigo) – und es beweist, dass „Festung Europa“ kein Ausrutscher war. Das Leipziger Trio, das Ende der 90er aus einer Künstlerkommune zu einem Trio mit PCs und Synthesizern schrumpfte, ist eindeutig eine politische Band. Von Punk ist bei 12 Songs nur noch einmal die Rede – als einem traurigen Anhänger dieser Szene zu treibendem Dancefloor-Sound die Flucht empfohlen wird: „Verschenk dein Geld und verlass das Land, you sad-eyed Punk.“ Die Platte ist weniger wütend als tanzbar, aber eben auch weniger ironisch als politisch.

Gerade deshalb funktioniert das Album: Man kann das Brockdorff-Klang-Labor als Synthie-Pop mit klarer 80er-Jahre-Rückbindung und nostalgischen Anspielungen auf 90er-Jahre-House hören. Die deutschen Texte und der mal männliche, mal weibliche Leadgesang mögen dann als kleine Liebeslieder und Alltagsblues funktionieren. Abseits der Tanzfläche darf man aber sehr wohl bemerken, dass die Leipziger mit so viel Anspielungen, Zitaten und Assoziationen spielen, dass dabei vielleicht nicht immer Protestsongs entsstehen – aber sehr wohl politische.

Zwar besteht kein Zweifel, dass die Band im Digitalzeitalter angekommen ist. Sie finanziert Videos per Crowdfunding und singt Komplimente wie „In einer Welt voll Nullen bist du eine Eins“. „Zähl deine Freunde, bewerte mein Lied“, heißt es anderswo. Aber eben auch, sarkastisch: „Sing einen Text, der nichts sagt.“ Um genau das zu vermeiden, tauchen beim Brockdorff Klang Labor zwar kaum Slogans auf. Dafür aber Bert Brecht und Kurt Weill auf, Christa Wolff und, okay: auch 68er-Ikonen wie Guy Debord und Hunter S. Thompson. Wenig zum Mitgrölen, viel für die Eingemeindung in eine politsche und kulturelle Identität.

Es liegt auf der Hand, dass eine wichtige Wurzel dabei die ostdeutsche Herkunft der drei Musiker ist. Nicht nur, weil Depeche Mode in der DDR noch ein bisschen größer waren als im Westen. Auch, weil nach erfolgter Befreiung von gesellschaftlichen und politischen Zwängen, die die Punk-Ära erkämpfen wollte, nicht nur Ironie und Spaß übrig geblieben ist. Sondern auch vermeintlich altmodische Werte wie Solidarität. „Wir sind so frei – so frei, dass wir fallen“, singt Sängerin Nadja im anderen großen melancholischen Politsong des Albums: „1989“ besingt die Wende in der DDR. „Deutschland, Deutschland überall“ heißt es im ersten Refrain, „Treibsand, Treibsand überall“ wird daraus im zweiten. Wären westdeutsche Bands auf Zeilen gekommen wie „Das ist kein Befehl: Du bist frei“? Hätten sie sich getraut, gerade diesen Songs mit einem geseufzten „Vorwärts, und nicht vergessen“ zu beenden?

So sind dem Brockdorff Klang Labor zum einen prächtige Ohrwürmer und Tanzstücke gelungen. Aber zum anderen nimmt man ihnen doch ab, dass sie es ernst meinen, wenn sie einen ihrer Songs „Escapism is over“ nennen.

Brockdorff Klang Labor: CD „Die Fälschung der Welt“ (ZickZack/Indigo), Record-Release-Konzert Live in Berlin: Freitag, 2.11., „About Blank“, Markgrafendamm 24c, 10245 Berlin, 20.30 Uhr.

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