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Brad Mehldau In der Wohlfühlzone

Der US-amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau mit seinem Trio beim Rheingau-Musik-Festival.

Kurhaus Wiesbaden
Brad Mehldau im Kurhaus Wiesbaden. Foto: RMF/Ansgar Klostermann

Er sitzt ungewöhnlich tief vor seinem Flügel, den Kopf immer nah an den Tasten, Rücken gekrümmt. Man kennt die Pose bei vielen Pianisten, im Jazz, aber auch in der Klassik. Für Brad Mehldau, den seit mehr als zwanzig Jahren gefeierten US-amerikanischen Jazzpianisten, ist sie eigentlich untypisch. Denn nichts an seinem Spiel ringt er seinem Körper ab, nichts entsteht eruptiv oder gar unter Schmerzen. Im Gegenteil, Mehldau ist so immens erfolgreich, weil er den Jazz-Mainstream neu definiert hat. Es ist ein Jazz mit unzähligen Referenzen und Anknüpfungspunkten: Johann Sebastian Bach, das American Songbook, Thelonious Monk, Keith Jarrett, aber auch Crosby, Stills, Nash & Young, Paul McCartney, Fiona Apple oder Elliot Smith.

Man muss kein Kenner sein, um Mehldau zu verstehen, es gibt viel Melodie und auch eine klare, trotz aller Improvisationen fast zu schematische Form. Zugleich ist er so versiert, technisch und historisch, dass auch die Jazzfreaks immer wieder beglückt staunen. Vor Jahren etwa, als Mehldau „All the Things You Are“ spielte, ein Broadway-Stück aus den späten 30er Jahren – aber nicht im geraden Takt, wie üblich, sondern als vertrackten Siebener.

Im Wiesbadener Kurhaus kann man von beidem viel hören. Das Brad Mehldau Trio eröffnet den diesjährigen, hochkarätig besetzten Fokus Jazz des Rheingau Musik Festivals, das Tingvall Trio und auch Jason Moran & The Bandwagon sind in den nächsten Wochen noch zu hören.

Mehldau bietet eine genau austarierte Gesamtschau. Eigenkompositionen der letzten zwanzig Jahre, später, in den Zugaben, auch die große, goldene Geschichte: „Tenderly“ von Walter Lloyd Gross, das Sarah Vaughan einst berühmt machte. Das wunderbare „Monk’s Mood“ von Thelonious Monk. Es gibt Schnelles und Langsames.

Larry Grenadier am Bass und Jeff Ballard am Schlagzeug bekommen genügend Raum, sich auszuspielen. Mehldau selbst phrasiert exzellent und mit ungeheurer Spannkraft. Alles sitzt, alles ist an seinem richtigen Platz. Nichts ist zu laut, zu viel, zu scharf. Selbst die Dissonanz ist eingebunden und kontrolliert, nie verlässt die Musik ernsthaft ihre Wohlfühlzone.

Doch genau das wird auf die Dauer von 90 Minuten zum Problem. Mehldau war noch nie ein Aufbrecher, sondern immer ein großer, unglaublich begabter Eklektiker, der die Schönheit der Melodie und der klaren, kleinen Form liebte. Doch inzwischen formuliert er allzu konsequent musikalischen Konsens. Jason Moran am 13. Juli, das nächste Konzert der Fokus-Jazz-Reihe, wird da sicher nicht so leicht zu haben sein.

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