Lade Inhalte...

Borodin-Quartett Die füreinander bestimmt sind

Das Moskauer Borodin-Quartett feiert seinen 70. Geburtstag und fängt zugleich wieder ganz von vorne an: Mit dem Auftakt für einen neuen, verheißungsvollen Schostakowitsch-Zyklus, ganz anders als bisher und doch wieder auf den Punkt.

14.04.2015 17:20
Stefan Schickhaus
Das aktuelle Borodin-Quartett. Foto: Andy Staples

„New Recording“ steht auf der Schutzhülle dieser CD mit den Schostakowitsch-Streichquartetten 1, 8 und 14, es ist ein nicht unwichtiger Hinweis. Denn auf Schostakowitsch-Quartette hat das Borodin-Quartett schon quasi ein Abonnement, es gibt sie in unzähligen Wiederauflagen und sie sind fester Bestandteil jeder Kammermusik-Mediathek. Eine erste, richtungsweisende Einspielung aller 15 Quartette starteten die Moskauer bereits 1962 bei Melodiya, es folgten im Laufe der Dekaden noch ein weiterer Zyklus (1978-1983) und etliche zusätzliche Einzeleinspielungen.

Dmitri Schostakowitsch, der große russische Streichquartett-Komponist, und das 1945 – also vor genau 70 Jahren – gegründete Borodin-Quartett waren schon immer füreinander bestimmt. Unter den Augen und Ohren des Komponisten haben die vier Ur-Borodins die Quartette einstudiert und den Meister auch schon mal aus der Fassung gebracht.

„1960 spielten wir ihm sein 8. Streichquartett in seiner Wohnung vor und erlaubten uns dabei einige interpretatorische Freiheiten“, berichtete die graue Eminenz des Quartetts, der 2008 verstorbene Cellist und Mitbegründer Walentin Berlinski. „Schostakowitsch saß in seinem Sessel, war wie immer sehr nervös. Als wir endeten, stand er auf und ging wortlos aus dem Zimmer. Seine Frau sagte, er fühle sich nicht wohl.“ Später habe Schostakowitsch dann angerufen und gesagt, „wie tief er von unserer Interpretation erschüttert gewesen sei und dass er uns darum bitten möchte, das Achte weiterhin so frei zu gestalten“.

Zeitenwechsel. Eine neue Gesamtaufnahme des Zyklus der 15 Quartette hat ihren Anfang genommen und ein quasi neues Borodin-Quartett tritt dazu an. Sicher, der Name, der Geist, die Tradition sind geblieben. Doch im Grunde ist das Borodin-Quartett des Jahres 2015 derart runderneuert, dass man von einem gänzlich anderen Ensemble als dem der legendären Schostakowitsch-Aufnahmen sprechen muss.

Zur Stammbaumforschung

Personelle Wechsel hat das Quartett ja früh schon weggesteckt, die Gründungsformation (mit Rudolf Barschai als Bratscher und beinahe mit Mstislaw Rostropowitsch als Cellist, der mit einem Platz im Quartett liebäugelte) hielt keine zehn Jahre. Erst 1953 etablierte sich die wahre Borodin-Besetzung, die rund 20 Jahre konstant blieb. In den siebziger Jahren kam wieder eine Phase der Erneuerung (und ein gewisser unterkühlter „Politbüro-Ton“ hielt Einzug, wie manche Rezensenten meinten), ebenso um die Jahrtausendwende.

2007 schied, 82-jährig, der Gründungscellist Berlinski aus, für ihn kam Vladimir Balshin. 2011 nahm dann Sergei Lomovsky seinen Platz am zweiten Violin-Pult ein, neben den auch erst 1996 eingestiegenen Dienstältesten Igor Naidin (Viola) und Ruben Aharonian (1. Violine). Soweit die Stammbaumforschung.

Beim Borodin-Quartett fließt es, auch 2015. Das war schon immer so und hat sich durch all die Metamorphosen des Ensembles, sicher von einigen Dellen in der künstlerischen Qualität abgesehen, nicht geändert. Der Kammermusik-Stil der heutigen Borodins ist dicht, aber nicht hermetisch, eindringlich, aber nicht betont subjektiv.

Es mag an der aktuellen, technisch makellosen Aufnahmeästhetik liegen (die Quartette 1, 8 und 14 wurden aufgenommen im Saal der Victor-Popov-Chorakademie in Moskau) oder auch am erneuerten Zugriff durch die aktuellen Mitglieder: Schostakowitschs Quartette klingen nicht mehr so sinfonisch kompakt, eher aufs Filigrane bedacht. In die frühen Aufnahmen kniete sich die damalige Besetzung mit größter Unbedingtheit hinein – damit verglichen spürt man bei den Heutigen doch eine gewisse Distanz, die man ja alleine mit Blick auf die Zeitachse nicht leugnen kann, es ist ein andere Generation. Aber auch deren Schostakowitsch-Sicht kommt auf den Punkt.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum