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Bonnie Raitt Wunderbares Wimmern

Slidegitarre und Bluesrockcountrysoul: Die einzigartige Bonnie Raitt auf Tour, aber nur einmal in Deutschland.

Auf dem Feld der Popmusik besteht die Besonderheit von Sitzkonzerten darin, dass sie meistens nicht nur mit stehenden Ovationen enden, sondern auch beginnen. So erheben sich im seit Wochen ausverkauften Admiralspalast die 1500 Zuschauer applaudierend von ihren Plätzen, als pünktlich nach dem dritten Gong die zierliche und dabei so große amerikanische Bluesgitarristin und Countrysoulsängerin Bonnie Raitt mit ihrer Band die Bühne betritt. Seit fünf Jahren war sie nicht mehr in Berlin zu Gast, wo sie am Samstag das einzige Deutschland-Konzert auf ihrer derzeitigen Tournee durch Europa absolvierte. Vor kurzem hatte die 68-jährige Musikerin einige Auftritte in den USA absagen müssen, wegen eines dringend notwendigen chirurgischen Eingriffs, wie es hieß. 

Von diesem scheint sie sich gut erholt zu haben. Im Admiralspalast ist eine bestens gestimmte Interpretin zu erleben, die mit launigen, lustigen und auch berührenden Bemerkungen zwischen den Songs das Publikum unterhält. Nach einigen Auftritten bei Festivals sei sie ganz froh, mal wieder in einem ordentlichen Saal zu konzertieren, sagte sie, was ihr die Chance gebe, auch ein paar ihrer ruhigeren Stücke vorzutragen. Diese sollten zu den Höhepunkten des Abends zählen. 
Los ging es aber mit „Unintended Consequence of Love“, einem Stück von ihrem nicht mehr ganz so neuen Album „Dig in Deep“ (2016), auf dem sie nach den eher kammerpopartigen Ausflügen mit dem Produzenten Joe Henry zum Bluesrock der reinen Form zurückgekehrt ist. 

Im Zentrum dieser solide gebauten Stücke steht der Groove, für den sich Bonnie Raitt bei ihrer Band bedanken kann, die sie größtenteils schon seit den achtziger Jahren begleitet: George Marinelli (Gitarre), James Hutchinson (Bass), Ricky Fataar (Schlagzeug) und Jon Cleary (Keyboards). Über dieses gern etwas funkige Rhythmusgeflecht legt Bonnie Raitt mit virtuoser Lässigkeit den Slidesound ihrer Stratocaster, Baujahr 1965, die sie seit ihren ersten Auftritten vor fast fünfzig Jahren bei jedem Konzert gespielt hat. 

Die sogenannte Bottleneck-Technik auf der Gitarre hat sie sich als Kind einer kalifornischen Musikerfamilie einst selbst beigebracht, bevor sie sich Tricks von Bluesvätern wie Muddy Waters, Howlin’ Wolf und Buddy Guy abguckte, die sie in ihren jungen Jahren begleiten durfte. Beim Slide-Spiel werden die Stahlsaiten am Gitarrenhals nicht wie üblich mit den Fingerkuppen gegriffen, sondern mittels eines Röhrchens zum Klingen gebracht, das sich gleitend über alle Bünde bewegt, wodurch diese wimmernde Melodik entsteht. Bonnie Raitt hat einmal gesagt, für sie sei der Ton der Slide-Gitarre wie die menschliche Stimme. Sie spricht durch ihr Instrument und das auf eine Weise, die ihr nicht nur hohen Respekt bei ziemlich allen Kollegen eingebracht hat, von Little Feat und Jackson Browne bis hin zu Prince und Keith Richards, sie wurde für ihre Rock, Soul, Country und Blues amalgamierenden Alben mit zehn Grammys geehrt. Und doch ruft ihr Name selbst bei musikinteressierten Leuten fragende Blicke hervor. 

Bonnie Raitt ist kein Superstar, sie ist eine wunderbare Künstlerin, die Superstars inspiriert. Und sich selbst immer wieder inspirieren lässt. In Berlin spielt sie im Rockmodus tolle Coverversionen von John Hiatt, INXS und den Fabulous Thunderbirds.

Seinen spirituellen Kern fand der Abend jedoch, als sie auf der Akustikgitarre den alten Skip-James-Song „Devil Got My Woman“ anstimmte, mit einem Dank an Wim Wenders und Martin Scorsese, denen sie vor ein paar Jahren zu einer filmischen Reise an die afrikanischen Wurzeln des Blues gefolgt war. In den Sechzigern hatte Bonnie Raitt Afrikanistik in Harvard studiert, mit dem Ziel, Entwicklungshelferin in Tansania zu werden. Nun ist es anders gekommen, ihrem sozialen Gewissen ist sie jedoch über alle Jahre treu geblieben. 

Das ergreifende „Angel From Montgomery“, im Original von John Prine, widmet sie all den Kindern, die durch Trumps Einwanderungspolitik von ihren Müttern getrennt wurden. Mit Trump hat sie es sowieso, ohne je seinen Namen zu nennen. „Besucht nicht die USA“, sagt sie. „Tut mir den Gefallen.“ Es sei alles nur furchtbar.

Politik hin oder her, am Ende ist es dieser eine Mensch, an dem alles hängt. „I Can’t Make You Love Me“, singt Bonnie Raitt im traurigsten Lied des Abends. Stehende Ovationen.

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