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Bob Dylan Inkarnation als zorniger Evangelist

Als Bob Dylan seine Karriere fast ruiniert hätte: Die Albumtrilogie „Slow Train Coming“, „Saved“ und „Shot Of Love“ in einer vorbildlichen Edition.

Bob Dylan
Bob Dylan im Juli 1978 in Paris, also kurz vor seiner Erleuchtung. Foto: afp

Wenn sich jetzt die 13. Ausgabe der sorgsam edierten Archivsammlung der problematischen Phase widmet, in der zwischen 1979 und 1981 die Gospelrock-Alben „Slow Train Coming“, „Saved“ und „Shot Of Love“ erschienen sind, hat sie schon einiges wiedergutzumachen, selbst bei den nachsichtigsten seiner Fans. Das Gospel-Bootleg liegt in zwei Varianten vor, als Doppel-CD, die dem informierten Hörer einen ungefähren Eindruck von diesem Material gibt, und in einer Box mit acht CDs und einer DVD, die im Grunde für jeden unverzichtbar ist, der es wirklich ernst mit Dylan meint. Die Auswahl von 102 Songs, 14 davon bislang unveröffentlicht, wendet sich an alle, die willens sind, jede artistische Kurve in dessen Gesamtwerk nachzuarbeiten. Welcher normale Mensch braucht schon sechs verschiedene Fassungen von „Slow Train Coming“.

Das Stück, mit dem Bob Dylans christliche Periode einst begann, bildet so etwas wie das Leitmotiv in der historisch-kritischen Sicht auf seine Inkarnation als zorniger Evangelist. Der langsame Zug, den er da auf Amerika und die Welt zurollen sieht, hat die Apokalypse geladen, und vieles an Bord klingt tatsächlich prophetisch: „Sheiks walkin’ around like kings. Wearing fancy jewels and nose rings. Deciding America’s future from Amsterdam and to Paris.“ Die Scheichs mit ihren Nasenringen entscheiden an den Märkten von Amsterdam und Paris über Amerikas Zukunft. Die Antwort auf die Frage, wohin der Verlust der industriellen und kulturellen Identität seines Landes führen wird, weiß nicht allein der Wind, sondern Gott. Was aufs Gleiche rauskommt. Am Ende trägt jeder seine eigene Last.

Musikologisch ist „Slow Train Coming“ ein schönes Beispiel dafür, wie sehr sich ein Song innerhalb einer so kurzen Zeitspanne verändern kann. In der frühesten Version von einem Soundcheck 1978 tastet sich die Band vorsichtig in den Groove. Es gibt einen Versuch mit Bläsern, eine erste Live-Aufnahme von 1979, in der der Zug ins Rollen kommt, und schließlich die Mitschnitte von zwei Shows 1981 in London, gegen die der „Slow Train“ aus dem Studio wie eine Spielzeugeisenbahn klingt.

Ähnliche Verwandlungen erfahren Songs wie „Gotta Serve Somebody“, hier in einer grandiosen Aufnahme aus Bad Segeberg vertreten, oder das hinreißende Lied „Covenant Woman“, bei dem Dylan beweist, dass er an diesem Tag in diesen fünf Minuten in Santa Monica wirklich der beste Sänger der Welt ist. Kein Witz, so hat ihn der „Rolling Stone“ tatsächlich genannt, als man ihm dort trotz seines Jesusfimmels noch wohlgesonnen war. Als dann später „Shot Of Love“ (Ein Schuss Liebe) erschien, war aber auch das Fachblatt mit den Nerven am Ende. „Jetzt ist Schluss“, lautete die Kritik.

Und nun fängt es wieder an. Man kann (fast) ohne jede Übertreibung behaupten, dass die Ausgrabung der Gospelsongs eine Offenbarung ist. Gar nicht wegen der bislang unbekannten Stücke, von denen nur das bluesig grummelnde „Making a Liar Out Of Me“ heraussticht. Es sind die so geschmähten Songs der christlichen Alben, die eine späte Rehabilitation erfahren, erfahren müssen.

Das liegt darin begründet, dass Bob Dylan mit den Aufnahmen so wahrgenommen wird, wie er sich selbst sieht, als Performing Artist, darbietender Künstler. Wenn man heute die Konzerte von 1979 hört, bei denen erstmals die christlichen Lieder – und eben nur diese – auf dem Programm standen, dann ist man verblüfft, was für eine große Musik das eigentlich ist. Begleitet von einer der besten Bands, die er je hatte, inklusive Orgel, Klavier und Gospeldamen, spielt er hitzigen und heiligen schwarzen Rock. Beängstigend und beglückend. Die Studioaufnahme von „Saved“ (Gerettet) wenig später mit denselben Liedern war dagegen ein Stück totes Vinyl. Plastikmüll, wenn man so will.

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