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Blixa Bargeld Interview „Wir swingen wie die Hölle!“

Blixa Bargeld im Gespräch über Krieg, Jazz, Krach und das neue Album der Einstürzenden Neubauten: „Lament“, das zunächst lediglich als Projekt geplant war und jetzt die Neubauten in ungewohnt sanfter Verfassung hören lässt.

07.11.2014 18:09
Jens Balzer
Einstürzende Neubauten, einfarbig. Blixa Bargeld steht in der Mitte. Foto: Mote Sinabel

Um Krieg ging es bei den Einstürzenden Neubauten schon immer, frühe Songs heißen „Vorm Krieg“ oder „Krieg in den Städten“. Am Anfang scheint mir die Beschäftigung mit dem Thema von einer gewissen Faszination getragen gewesen zu sein, fürs Kaputte, Ruinen, Zerstörung. Auf „Lament“ klagen Sie nun um die Opfer des Krieges. Hat sich Ihr Verhältnis zu dem Thema im Alter gewandelt?

Ich bin Jahrgang 1959, aufgewachsen in West-Berlin. Das heißt, in meiner Kindheit und Jugend war der sogenannte Kalte Krieg immer präsent. Wobei die Tatsache, dass es die Mauer gab, gar keine so große Rolle spielte. Wichtiger war dieses generelle Gefühl, dass man in einer Zwischensituation lebt und aus dem Kalten Krieg schnell ein heißer werden kann. Wir wohnten in der Nähe des Flughafens Tempelhof; wenn die Geräusche von den Flugzeugen lauter waren oder länger dauerten als sonst, dachte man sofort an Krieg. Die flogen so dicht über den Häusern herunter, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Kommt daher der Hang der Neubauten zum Krach?

Früher hätte ich gesagt, dass die Einstürzenden Neubauten überall in der westlichen Welt hätten entstehen können, so lange es genug wiederverwertbaren metallischen Abfall gibt. Retrospektiv würde ich sagen: Nein, das war eine sehr spezifische Westberliner Situation, die das damals hervorgebracht hat. Ob sich seither mein Verhältnis zum Krieg geändert hat… wie ich schon sagte, ich bin Jahrgang 59, ich hab keinen Krieg erlebt, ich hab gar kein Verhältnis dazu.

Ich meinte auch eher die Faszination für Trümmer …

… die bekam man in West-Berlin automatisch, und die hab ich auch immer noch. Aber nicht wegen der Kaputtheit, sondern wegen der Spuren der Geschichte, die man in Berlin überall sah, im Westen wie Osten. Mancherorts heute noch.

Früher also Kalter Krieg, heute Erster Weltkrieg: Wie kam es zu dem neuen Projekt?

Das ist eine Auftragsarbeit der Region Flandern, ein Teil der Feierlichkeiten zur Erinnerung an den Beginn des Ersten Weltkriegs. Uraufgeführt wird die Komposition in Diksmuide, das ist der Ort, an dem die Erste Flandernschlacht geschlagen wurde. Die deutschen Truppen wollten ja, dem Schlieffenplan folgend, durch Belgien direkt auf Paris zustoßen, dann haben die Belgier aber die Schleusen der Yser geöffnet und das ganze Gelände geflutet. Dadurch kam es zu dieser großen Schlammschlacht, von der Flandern bis heute gezeichnet ist. Wir spielen in einer Halle, die auf der ehemaligen deutschen Frontseite liegt. Ich hätte ja lieber auf der belgischen Seite gespielt, aber das ging aus organisatorischen Gründen nicht.

Das heißt, „Lament“ wurde als Performance geplant, das Album ist nur ein Nebenprodukt?

So ist es. In der Performance gibt es drei Sequenzen. Am Anfang stehen die Kriegsvorbereitungen, im zweiten Teil geht es um die Kriegshandlungen selbst, im dritten Teil um den Tod und die Opfer.

Die Musik ist erstaunlich melodisch und oft sogar sanft.

Ja, ich wollte das unbedingt vermeiden, dass diese Gleichung „Einstürzende Neubauten = Krieg = Krach“ so einfach aufgeht. Es gibt diesen schönen Satz frei nach Tom Waits: You have to tell a horrible story beautifully; Du musst eine grauenerregende Geschichte auf schöne Weise erzählen. Das einzige Stück, das diesen Schlachtenlärm in sich trägt, ist das Stück von den Harlem Hellfighters, „On Patrol in No Man’s Land“.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Das ist eine sehr interessante Geschichte. Die Harlem Hellfighters waren die Band einer schwarzen Brigade, die in Frankreich gegen die Deutschen kämpfte. Die kamen aus den USA, durften aufgrund der Rassentrennung dort aber nicht unter amerikanischer Flagge kämpfen, deswegen hat man sie den Franzosen unterstellt. Die kämpften in einer Mischung aus französischen und amerikanischen Uniformen – und brachten als erste die Jazzmusik nach Europa! Nach dem Krieg, 1919, haben die mehrere Platten für Pathé aufgenommen. Dann wurde der Bandleader James Reese Europe vom Schlagzeuger erstochen.

Eifersucht?

Frauen, Geld, Alkohol, sowas.

Toll finde ich jedenfalls, dass die Einstürzenden Neubauten nach all diesen Jahren noch einmal auf den Jazz zurückkommen.

Ja, wir sind eine Super-Jazzband! Wir swingen wie die Hölle!

Tatsächlich gab es vor den Einstürzenden Neubauten eigentlich keine andere Band, die so radikal mit der afroamerikanischen Popmusik-Tradition gebrochen hätte, oder?

Also, ich kann mich noch an Interviews aus den achtziger Jahren erinnern, in denen mir von so Diskurspop-Leuten vorgeworfen wurde, dass man in meiner Musik immer noch zu viel Blues hört. Alles eine Frage der Wahrnehmung.

Wurden für die Performance denn viele originäre Instrumente entwickelt? Im Booklet ist die Rede von einer Stacheldrahtharfe …

… das ist allerdings auch das einzige, ein persönlicher Wunsch von mir. Mir ist es eigentlich egal, wie die Dinge klingen. Mir ist wichtig, was sie sind. Darum wollte ich eine Harfe aus Stacheldraht. Aber wie sich herausstellte, klang das dann auch noch ganz interessant.

Zum Stacheldrahtharfenspiel rezitieren Sie einen flämischen Dichter. Wie sind Sie auf den gekommen?

Wir hatten ein Forschungsteam, das den Auftrag hatte, uns ein paar Quellen heranzuschaffen, die noch nicht so ausgelatscht sind. Vor allem, weil wir im Erster-Weltkriegs-Gedenkjahr ja schon relativ spät kommen…

…stimmt, inzwischen sind wir schon wieder beim 25-Jahre-Mauerfall-Gedenken…

…da hat uns niemand gefragt. Komisch eigentlich. Egal, dieser flämische Dichter jedenfalls ist dermaßen unbekannt, dass ich schon Post von einem belgischen Literaturwissenschaftler hatte, der dieses Material unbedingt haben will. Und ich weiß gar nicht, woher das kommt.

Dann gibt es noch Lieder von einem flandrischen Renaissancekomponisten …

… genau, der liegt in Diksmuide begraben …

…und Aufnahmen von Kriegsgefangenen der Deutschen. Wo kommen die her?

Aus dem Lautarchiv der Humboldt-Universität und aus dem Musikethnologischen Institut in Dahlem. Das sind Edison’sche Walzenzylinder-Aufnahmen – einige der ganz wenigen Tondokumente, die es aus dem Ersten Weltkrieg überhaupt gibt. Aufgenommen von Linguisten und Musikwissenschaftlern, die die Sprache und die Musik der Kriegsgefangenen aufzeichnen wollten. Einer der Beispieltexte, die die Linguisten denen zum Rezitieren gaben, ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus dem Neuen Testament; das traf sich hervorragend mit dem flämischen Renaissancekomponisten, der eine Motette über das Gleichnis geschrieben hat, „Pater Peccavi“. Dieses Stück spielen wir zu den Stimmen der Gefangenen.

Hat uns der Erste Weltkrieg eigentlich noch was zu sagen? Oder ist das eine abgeschlossene Epoche?

Nein! Im dritten Stück der Perfomance, „The Willy-Nicky Telegrams“, haben wir die Korrespondenz zwischen dem deutschen Kaiser und dem russischen Zaren vertont, in der beide sich scheinbar – aber eben nur scheinbar – um die Eindämmung des Konflikts bemühen; das hätte ebenso gut „The Angie-Wladi Telegrams“ heißen können. Und der Beginn der Performance, das Stück „Kriegsmaschinerie“, basiert auf den ansteigenden Verteidigungshaushalten zwischen 1910 und 1914. Gerade, als wir das aufnahmen, stellte Ursula von der Leyen wieder fest, dass es der Bundeswehr am Nötigsten mangelt.

Wie lange haben Sie an der Performance eigentlich gearbeitet?

Etwa ein Jahr.

Ist das nicht nervig, sich über einen so langen Zeitraum in so ein deprimierendes Thema einzuarbeiten?

Absolut. Zumal, wenn die aktuelle politische Lage so viele Ähnlichkeiten aufweist. Das kann einen schon ziemlich runterziehen.

Die nächste Neubauten-Platte wird sich also dann wieder einem heiteren Thema widmen.

Bestimmt nicht.

Interview: Jens Balzer

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