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BIRD in Dresden Tropfen und Steine

Gegen Wut und Pegida sein reicht nicht: Der Musiker Sebastian Römisch über interreligiöse Konzerte in rauen Zeiten in Dresden.

Bird
Sebastian Römisch (2. v. l.) und die anderen Mitglieder des Vereins „Bird“. Foto: (Extern)

Vier Jahre ist es her, er saß auf seinem Sofa, er sah Fernsehnachrichten, er ertrug es nicht mehr. Menschen im Irak sprengen sich und andere in die Luft, der IS wütet, Anschläge überall, Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, der aufflammende Rechtsextremismus in Europa. Negativ, überall Hass und Zorn und Elend. Zum Verzweifeln.

Es war auch das Jahr, als Pegida in Dresden entstand, als aus wenigen besorgten immer mehr Wutbürger wurden, die in den Jahren darauf zu Tausenden vor der Dresdner Semperoper oder der wieder aufgebauten Frauenkirche demonstrierten und ihren Hass gegen Angela Merkel, Fremde, Medien, Andere in die Welt schrien. „Man muss für etwas sein“, dachte sich Sebastian Römisch damals. „Man muss dem etwas entgegensetzen.“

Es gibt ja auch tatsächlich das andere Sachsen. Das Nicht-Geschrei, das Nicht-Chemnitz, das zumeist ungehörte, eher im Kleinen und Verborgenen befindliche. Das Alltägliche, das es natürlich nicht in die Fernsehnachrichten schafft oder für Twitterstürme sorgt. Sebastian Römisch, 50 Jahre alt, ein gebürtiger Berliner, Katholik, seit 2000 in Dresden, Solo-Oboist der berühmten Sächsischen Staatskapelle, ist Teil dieser stillen Welt, die sich dennoch nicht mit Hass und Geschrei abfinden will und ihre eigenen Wege sucht.

Ein Altweibersommertag, Mittagspause zwischen Orchesterproben. Aus Sebastian Römisch, einem überaus lebhaften Mann, sprudelt es heraus: „Man kann doch nicht hier leben und Däumchen drehen“, sagt er über sich und Dresden. Ihm geht es wie vielen: Die Stadt wirkt zerrissen, und der Spalt geht überall durch: Firmen, Schulen, Museen, die Universität, Vereine, Orchester, Kirchgemeinden.

Sebastian Römisch hat nach seinem unangenehmen Fernsehabend vor vier Jahren BIRD gegründet, das Bündnis Inter-Religiöses Dresden, eine bürgerschaftliche Initiative, ein kleiner Verein aus Leuten aus etlichen Religionen der Welt, die sich gefunden haben, um gemeinsam Musik zu machen: Christen, Muslime, Juden, Sikhs Buddhisten, Atheisten.

„Mein Traum“, sagt Römisch: „Mit Musik zeigen, wie man miteinander umgehen sollte.“ Er meint das Zusammenleben, das Zusammenarbeiten. Die Regeln einhalten, dem anderen zuhören. Am kommenden Sonntag spielen sie wieder in der Dresdner Kreuzkirche, der Eintritt ist frei, vermutlich ist das Gotteshaus wie in den vergangenen Jahren wieder voll mit 3000 Leuten. Ein buntes Programm hat sich BIRD ausgedacht: Sebastian Bach und Sebastian Krumbiegel, der Sänger von „Die Prinzen“ und ehemalige Thomaner, christlich muslimischer-Poetry Slam, jüdisch-arabische Folklore, buddhistische Schreittänze.

„Alles ist möglich“, sagt Römisch und erinnert an ein Konzert, bei dem ein Muslim Beethovens Neunte dirigierte. „Wir müssen mit anderen Bildern werben“, sagt er. „Für diese Stadt, für einen anderen Umgang.“

Dagegen sein reicht eben nicht mehr in Sachsen. Es frustriert auch auf Dauer. Römisch war bei etlichen Kundgebungen montags gegen Pegida dabei. Meistens immer das gleiche Kräftespiel, 200 gegen 2000. Aber mittlerweile ist Pegida selbst geschrumpft und sogar bei Banda Internationale, der stets präsenten Dresdner Vielvölker- und Gute-Laune-Kapelle, hat man keine Lust mehr, montags gegen Lutz Bachmann und sein Merkel-muss-weg-Publikum anzuspielen.

„Das alles macht einen nur aggressiv“, findet Römisch. Also etwas anderes ausprobieren, etwas verbindendes. Also Musik, das, was er kann. Ihm geht es wie vielen in der alten sächsischen Landeshauptstadt, wo Welten immer härter aufeinanderprallen, die nicht mehr miteinander ins Gespräch finden. „Ich begreife einfach nicht, wie man Menschen pauschal versucht auszuschließen aus unserer Gesellschaft, nur weil sie woanders herkommen, weil sie anders aussehen, einen anderen Glauben haben oder eine andere Kultur.“

Sein Ideal ist das Orchester: „Wenn ich im Orchestergraben sitze, dann frage ich meinen Sitznachbarn doch auch nicht: Woran glaubst du? Wir haben eine gemeinsame Sprache, das ist die Musik. Und genauso wie im Orchester kann es auch in der Gesellschaft funktionieren.“

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