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Bernd Alois Zimmermann Nah an Chaos und Katastrophe

Zum 100. Geburtstag des Komponisten Bernd Alois Zimmermann.

Bernd Alois Zimmermann
Bernd Alois Zimmermann (l.) und Michael Gielen, 1965 während der Proben zu „Die Soldaten“ in Köln. Foto: dpa

Man spricht vom „Darmstädter Stil“, wenn man den Serialismus meint, die avancierteste Kompositionsrichtung nach 1945; doch das tatsächliche deutsche Zentrum dieser Musikart war Köln mit dem tatkräftig fördernden Westdeutschen Rundfunk. In Darmstadt traf sich jährlich für ein paar Sommerwochen die Speerspitze des internationalen musikalischen Fortschrittsgeistes; in Köln aber lebten ganzjährig Persönlichkeiten wie Stockhausen, Kagel und Bernd Alois Zimmermann, die zusammen mit ihrer nach und nach wachsenden Anhänger- und Schülerschar einen beträchtlichen Einfluss auf den musikalischen „Zeitgeist“ ausübten. 

Die Kölner Komponistenszene war sich gewissermaßen in produktiver Feindschaft verbunden. Zimmermann, wenige, aber entscheidende Jahre älter als Stockhausen, Nono oder Boulez, blieb durchaus auch ein Einzelgänger und bezeichnete sich gerne als den „Ältesten der jungen Komponistengeneration“. Während Karl Amadeus Hartmann (Jahrgang 1905), einer der wenigen ehrlichen „inneren“ Emigranten, während der Nazizeit bereits vieles „für die Schublade“ geschrieben hatte, setzte Zimmermanns Produktivität im wesentlich erst nach dem Kriege ein, beschleunigte sich dann in den 1950er und 1960er Jahren beträchtlich. Sehr viel Zeit blieb ihm nicht. Nach einer niederschmetternden ärztlichen Diagnose suchte er 1970 den Freitod.

Kaum kontrollierbares Werk

Inzwischen war sein grandios-hybrides Musiktheaterwerk „Die Soldaten“ bereits Legende geworden und ein künstlerischer Prüfstein für ambitionierte Opernbühnen (und ihr Publikum) wie einst Bergs „Wozzeck“ und später Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Dem im wesentlichen schon kurz nach 1960 fertigen Stück attestierte der mit Zimmermann befreundete Kölner Dirigent Günter Wand Unspielbarkeit. Der Komponist „vereinfachte“ daraufhin die Partitur, die zuvor voneinander unabhängige Zeitschichten und –maße enthalten hatte. Doch auch in dieser Version war nach der Maßgabe Wands die Kontrollierbarkeit der Musikströme nicht restlos möglich. Es bedurfte eines mit kompositorisch extremen Komplexitätsgraden vertrauteren Musikers. Michael Gielen machte die Kölner Uraufführung 1965 zu einem Triumph für sich und Zimmermann; viele andere Häuser zogen nach.

„Die Soldaten“ entstanden in einer Zeit, als Boulez & Co. sich noch nicht für die Oper interessierten, und sind wohl die berühmteste deutschsprachige Musiktheaterarbeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Konzeption hat in jeder Beziehung sprengende Elemente. Das Sujet basiert auf einer gleichnamigen „Komödie“ des Goethe-Zeitgenossen J. M. R. Lenz, die den Weg eines ursprünglich gutbürgerlichen „Soldatenliebchens“ zur verachteten und verkommenen Hure zeigt – fürwahr schon bei Lenz kein lustiger Stoff. Anders als Berg in seiner ausgetüftelt formsicheren Abrundung der Woyzeckfragmente unterstreicht aber Zimmermann die disparaten Momente der „Soldaten“-Dramaturgie noch, vor allem in prolog- und epilogartigen Tableaus mit einem radikal heterogenes Material zu orgiastisch-katastrophischen Lärmstrecken zusammenschweißendem Material. Zu diesen bilden teils naturalistische, sogar halbwegs boulevardeske Episoden einen denkbar großen Gegensatz, bei denen es auch zu vokalen Unterhaltungen in „avantgardistischem Konversationston“ kommt (eine Formulierung des Musikkritikers Friedrich Hommel), in deren weitintervalliger Atonalität sich die Nichtigkeit entgleist-konventioneller Kommunikation manifestiert. Ein bestürzend legitimer Zeitausdruck.

Ein theoretisch-spekulativer Ansatzpunkt, der als griffige Formel für Zimmermann’sches Komponieren vom Komponisten selbst in Umlauf gebracht wurde, war der Spruch von der „Kugelgestalt der Zeit“, womit auch zentrale Momente der „Soldaten“ namhaft gemacht werden sollten. Tatsächlich ist die „Kugelgestalt“ mit ihrem Versuch, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenzuzwingen, wie manch anderer Versuch, Relativitätstheorie und weitere naturwissenschaftliche Phänomene für die künstlerische Praxis fruchtbar zu machen, eher eine metaphorisch beschwörende Utopie, mit der so etwas wie der Ausgleich zwischen unbeherrschbarem Chaos und ordnender Rationalität gesucht wird. Was bei Zimmermann in diesem Zusammenhang auch noch auffällt und geradezu als ambivalent-bedenkliche Erbschaft Richard Wagners wahrgenommen werden kann, ist die ständige Überbietungsstrategie als Treibsatz omnipräsenter Katastrophen-Angstlust. 

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