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Berliner Philharmoniker im Rheingau Vorwärts immer, Mäßigung nimmer

Einfach sagenhaft: Die Berliner Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin beim Rheingau Musik Festival

30.06.2016 16:22
Stefan Schickhaus
Yannick Nezet-Seguin und die Berliner Philharmoniker in Wiesbaden. Foto: RMF / Ansgar Klostermann

Natürlich habe er an diesem besonderen Mai-Tag des Jahres 2015 öfter geschaut, ob da was auf der Mailbox ist, hatte Yannick Nézet-Séguin halb im Ernst einem Journalisten der Zeitung „Die Welt“ gestanden. Es war jener Mai-Tag, an dem die Berliner Philharmoniker einen neuen Chefdirigenten wählten.

Die Entscheidung fiel bekanntlich auf Kirill Petrenko und nicht auf den munteren Kanadier, der durchaus als aussichtsreicher Kandidat gehandelt worden war. Und es hätte ja auch ganz gut gepasst: Denn Yannick Nézet-Séguin, der seit seinem ersten Europa-Auftritt 2004 ein Top-Gesprächsthema in jeder Dirigentendiskussion ist, weiß ein jedes Orchester mit quirliger Energie zu motivieren. Spitzenorchester wie die Wiener Philharmoniker – zuletzt vor einer Woche in der Alten Oper Frankfurt – oder jetzt die Berliner im Kurhaus Wiesbaden nicht ausgeschlossen. An diesem Ort waren die Philharmoniker übrigens zuletzt vor 44 Jahren aufgetreten, unter Karajan noch. Für Wiesbaden war es also ein Gastspiel mit Seltenheitswert und für das veranstaltende Rheingau Musik Festival das Konzert mit dem absoluten Goldstatus in dieser Sommersaison.

In Wiesbaden wiederholten die Berliner Philharmoniker unter Nézet-Séguin und mit Lisa Batiashvili als Solistin das Programm, das sie kurz zuvor auf der Berliner Waldbühne spielten – nur eben nicht für 20 000 Zuhörer, sondern nur für 1350. Ein geradezu exklusiver Rahmen also. Im Zentrum stand dabei Antonin Dvorák, mit seinem Violinkonzert und der sechsten Sinfonie, als Zugabe dann noch sein Slawischer Tanz op. 46,8.

Ein Luxus-Dvorák

Und es wurde erwartungsgemäß ein Luxus-Dvorák: Die Berliner Philharmoniker klingen einfach sagenhaft warm und brillant zugleich, und sie wurden von ihrem umtriebigen Gastdirigenten nicht daran gehindert, ja geradezu aufgefordert, Orchestervirtuosität zu zeigen. Yannick Nézet-Séguin ließ den Nobel-Klangkörper kontrolliert von der Leine. Der Kanadier ist ja ohnehin nicht eben zurückhaltend, was Tempo und Lautstärke angeht – und dieses Orchester bietet beides in Perfektion. So sind ja im Violinkonzert alle drei Sätze eigentlich mit einem „ma non troppo“ gekennzeichnet, also „aber nicht zu sehr“. Doch für dynamische Einschränkungen ist er nicht der Typ. Vorwärts immer, Mäßigung nimmer.

„Seine Persönlichkeit hat etwas Berührendes und auch tief Musikalisches“, das sagt Lisa Batiashvili über Yannick Nézet-Séguin, und er wiederum nennt sie seine „wahre Musikseelenfreundin“ – Gleichklang ist also vorbestimmt, wenn sie gemeinsam musizieren. Straff, auf gekonnte Art gehetzt, getrieben klang das Dvorák-Violinkonzert, jede Honigfalle wurde weiträumig umgangen. Der Ton der georgischen Geigerin Batiashvili und ihrer alten italienischen Violine (Guarneri „del Gesu“, 1739, von einem privaten Sammler zur Verfügung gestellt) ist von einer überragend natürlichen Sattheit, benötigt keinen Druck, kein Pathos-Supplement, keine Pose. Das war ein beherztes, aber nie ein aufgeblähtes Musizieren.

Nur manchmal ist Yannick Nézet-Séguins Zupacken auch etwas zu glatt. Im Furiant-Satz der Sechsten etwa, wenn keinerlei Widerhaken spürbar werden, wenn alles orchestertechnisch makellos läuft und berauschend gut klingt. Dann glaubt man einen Augenblick daran, dass der so extrem viel beschäftigte 41-jährige Pult-Tausendsassa und rastlose Musikermotivator über manche Kanten der Musik hinwegzusehen droht.

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