Lade Inhalte...

Berliner Kammeroper Tod ohne Kredit

Die Berliner Kammeroper präsentiert Adriana Hölszkys „Bremer Freiheit“ und steht zugleich vor ihrem Ende. In den 90er Jahren zählte die Kammeroper zum unverzichtbaren Inventar des Musiktheaters in der Stadt mit randständigen, aber ästhetisch wertvollen Werken.

18.11.2010 17:24
Jürgen Otten

Um sie herum das typische Theaterchaos einer Fotoprobe, doch das ficht sie nicht an. Adriana Hölszky lächelt milde, vor ihr liegt die Partitur ihres Singwerks auf ein Frauenleben, „Bremer Freiheit“, nach Rainer Werner Fassbinders Theaterstück auf ein Libretto von Thomas Körner. Mit dem Bleistift fährt sie sacht über die Notenlinien, schaut hier und dort noch einmal, wie die Stimmen sich fügen und wartet auf den Beginn des Durchlaufs.

Vor ihr ein schräg ansteigender Laufsteg durch den gesamten Raum: die Bühne von Stefan Bleidorn, auf der sich das Schicksal der Geesche Gottfried abspielen wird, jener Bremer Bürgerin, die als vielfache Giftmörderin in die Geschichte eingegangen ist und am 21. April 1831 in ihrer Heimatstadt öffentlich hingerichtet wurde. Hölszky hat daraus ein Stück über Unterdrückung, Unfreiheit und Verdammnis komponiert, eine harsch klingende Klage, die das Gelärme der Welt und ihre höllischen Misstöne in sich birgt.

Dass ausgerechnet dieses Opus in der Inszenierung von Kay Kuntze die voraussichtlich letzte Produktion der Berliner Kammeroper sein soll, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Hier wie dort ist es ein Tod auf Raten und ohne Kredit, aber mit einer, wenn auch leisen, Ankündigung. In den 90er Jahren zählte die Berliner Kammeroper zum unverzichtbaren Inventar des Musiktheaters in der Stadt, mit bis zu einer Million Mark Subventionen konnte das Team mehrere Produktionen pro Spielzeit anbieten; meistens randständige, ästhetisch wertvolle Werke des 20. Jahrhunderts, die man vergeblich auf den Spielplänen der großen Häuser suchte.

Eben daraus wird Kuntze und seinen Mitstreitern Katharina Tarján und Karin Lindner jetzt der Strick gedreht. Eine unabhängige Jury empfahl, die Kammeroper aus der Basisförderung zu nehmen. Die absurde Begründung: Das Repertoire müsste eigentlich von den drei Opernhäusern Berlins „institutionalisiert“ gespielt werden. Die aber wollen und können das gar nicht. Mit anderen Worten: Die Kammeroper füllte, wie die bereits 2003 aufgelöste Neue Opernbühne und für einige Zeit auch die Zeitgenössische Oper Berlin, exakt jene Lücke, die in den heil’gen Hallen der Stadt entstanden war. Nach einer über mehrere Jahre verteilten Absenkung des Budgets auf 150.000 Euro werden Kuntzes Team für 2011 noch 50.000 Euro Projektförderung angeboten.

Die geplante Uraufführung einer Oper von Lera Auerbach dürfte also ins Wasser fallen. Kuntze hat schon die Büroräume gekündigt, wo auch der Fundus untergebracht ist. Er weiß, dass diesem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit kein Aufstieg mehr folgen kann. Und die Politik? Schweigt. Natürlich könnten Kulturbürgermeister Klaus Wowereit und sein geschmeidiger Staatssekretär André Schmitz das Votum der Jury kippen. Doch nicht einmal einen Gesprächstermin hat die Berliner Kammeroper bei Schmitz erhalten.

Es droht also, so nicht ein Wunder geschieht, das Ende. Das ist umso bitterer, wenn man weiß, welch hochrangiges Werk die Berliner Kammeroper mit Hölszkys „Bremer Freiheit“ für ihre 68. Produktion programmiert hat und wie eindrücklich die szenische Lösung und die musikalische Interpretation geraten sind. Heute ist Premiere im Werner-Otto-Saal. Für Berlins Kulturpolitiker gibt es noch Karten.

Berliner Kammeroper: 19., 20., 25., 26. und 27. November

www.berlinerkammeroper.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen