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Beatles White Album Das Doppelalbum für die Ewigkeit

Das „Weiße Album“ der Beatles veränderte vor 50 Jahren die Welt.

Beatles
Revolution! Die Beatles 1968 in London auf verbotenem Terrain. Foto: Apple Corp Limited/dpa

Number nine. Number nine. Number nine. Number nine. Wir saßen ratlos davor. Ein Kumpel mochte „Martha My Dear“, anderen gefiel „Blackbird“, aber insgesamt – was war das denn? „Revolution 9“ zum Beispiel: ein Lied (ein Lied?), in dem jemand dauernd „Number nine“ sagte, ansonsten ging es komplett drunter und drüber, achteinhalb Minuten lang. Ein Lied? Und war das überhaupt eine Beatles-Platte?

Wir waren wie immer spät dran. Wir bekamen das sogenannte Weiße Album der Beatles, das in Wahrheit „The Beatles“ hieß, 1975 oder 1976 in die Hand. Andere, die es kurz nach Erscheinen 1968 von ihren Eltern zu Weihnachten geschenkt bekommen hatten, etwa der Hauptinformant der Beatles-Redaktion der Frankfurter Rundschau, durften die Doppel-LP über die Feiertage nicht anhören. Begründung: „Sexy Sadie“ (Seite drei, fünfter Titel); die Nachbarn. 

Was man als spätgeborener Pimpf kannte, waren das „Rote“ (1962-1966) und das „Blaue Album“ (1967-1970), die das Schaffen der Beatles auf insgesamt acht Schallplattenseiten für unsere Begriffe sauber zusammenfassten. Dass sich auf dem Weißen nun sogar manch Bekanntes wiederholte („Back in the USSR“, „Ob-La-Di, Ob-La-Da“): seltsam. 

Und dann öffnete sich da etwas. Etwas Gewaltiges. Wenn es Einflüsse im Leben der Halbstarken gibt, die annähernd mit der Wirkung der ersten Freundin aus politisch engagiertem Elternhaus mithalten können, dann musikalische Einflüsse. Für uns war es das „Weiße Album“. Die Offenbarung der John, Paul, George und Ringo. Eine neue Welt. 

Wir pappten die Farbfotos der Fab Four an die Wand, die dem Album beilagen. Das große Poster nicht; da standen hinten die Texte drauf. Außer dem Text von „Revolution 9“. Ian MacDonald widmet dem Song (Song?) fünf Seiten seines Beatles-Song-Lexikons. Erstmals, schreibt er, erreichte ein Avantgarde-Artefakt die breite Weltöffentlichkeit. „Der extremste Ansatz der Beatles in Sachen Zufallsmusik“ – auf allen Plattentellern: „Innerhalb weniger Tage nach Erscheinen besaßen rund eine Million Haushalte die Platte mit diesem Stück, und ein Vierteljahrhundert später geht die Zahl derer, die es gehört haben, in die Hunderte von Millionen.“

„Revolution 9“ ist ein Spiel mit Stereoeffekten, eine Collage aus Sprach- und Musikfetzen, die die Beatles teils in den Archiven der Abbey-Road-Studios fanden, und dem Satz von Yoko Ono: „You become naked.“ Unwahrscheinlich, dass sich Leute dieses Stück so oft angehört haben wie etwa „Bungalow Bill“. Aber das sei aus der Perspektive der Avantgarde unwichtig, urteilt MacDonald: „Diese Art von Kunst war dazu gedacht, die Realitätswahrnehmung ihrer Betrachter zu verändern.“

Das tat sie, bis hin zu Exzessen. Die Gruppe um den Psychopathen Charles Manson rechtfertigte mit Beatles-Stücken wie „Revolution 9“, „Helter Skelter“, „Piggies“, allesamt auf diesem Album, ihre grausamen Morde in Kalifornien. Wer seine Sinne noch unter Kontrolle hatte, erkannte mehr: eine Befreiung aus musikalischen Fesseln. Und hatte man je von Songtiteln gehört wie „Everybody’s Got Something to Hide Except Me and My Monkey“?

Neben den Experimenten schafften es ausgesprochen zarte Lieder auf das Doppelalbum, das Produzent George Martin am liebsten um die Hälfte reduziert hätte. Die Flut der Einflüsse hatten die Vier aus Indien mitgebracht, vom Aufenthalt beim Maharishi Mahesh Yogi ohne elektrischen Strom, dafür mit bewusstseinserweiternden Substanzen. 

Beinahe steigt Trommler Ringo Starr während der Aufnahmen aus. Auch gibt es Stress wegen Yoko Ono, die rund um die Uhr im Studio dabeisitzt. Die Beatles-Biografen notieren Vorboten der Auflösung. Die Nachgeborenen wimmern: Vertragt euch! Umsonst.

2004 setzte der deutsche „Rolling Stone“ das Werk auf Platz 5 der besten Alben aller Zeiten (US-Ausgabe: Platz 10). Witziger wäre natürlich Nummer 9 gewesen. 

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