Lade Inhalte...

Bachhaus Eisenach Voller Eifer, voller Zorn

Bach, Mendelssohn und die nationalsozialistische Umdeutung der Musikgeschichte - Es ist das Verdienst der Ausstellung "Blut und Geist" die Stühle gerade zu rücken ohne viel Porzellan zu zerschlagen.

Im Jahre 1935 feierte Deutschland den 250. Geburtstag seines deutschesten Komponisten vorm Eisenacher Bachhaus. Foto: Bachhaus

Geschichte ist nur als Ganzes zu haben, auch wenn das Ganze das Peinliche ist und die Portionierung der Geschichte in Teilwahrheiten daher gang und gäbe. Für heutige Verehrer Johann Sebastian Bachs zum Beispiel gehört vermutlich der Umstand, dass Bach, noch vor Wagner, den Nationalsozialisten als deutschester und nordischster aller Komponisten galt, zu den Peinlichkeiten. Dass die Wiederentdeckung der Musik Bachs im 19. Jahrhundert dem Juden Felix Mendelssohn Bartholdy zu verdanken war, war für die Nazis peinlich, und für den gegenwärtigen deutschen Musikbetrieb ist es nicht besonders angenehm, dass die Eckpfeiler seiner gängigen Urteile über Mendelssohn von Autoren stammen, die in den Dreißigerjahren die Musikgeschichte nationalsozialistisch umgedeutet und später oft ihre alten Positionen nur redigiert, aber nicht revidiert hatten.

Selbst-Kommentierung

Es ist das schöne Verdienst des ohnehin schönen und verdienstvollen Bachhauses in Eisenach, in einer Ausstellung mit dem prägnanten Titel "Blut und Geist" im Jahr von Mendelssohns 200. Geburtstag die Stühle gerade zu rücken und dabei nicht einmal allzu viel kostbares deutsches Porzellan zu zerschlagen. Die von Museumsleiter Jörg Hansen und dem Historiker Gerald Vogt kuratierte Ausstellung kompensiert die zwangsläufige Bilderarmut des Themas durch Gründlichkeit, durch Festgefügtheit der dokumentierten Fakten und Verzicht auf interpretierende Eingriffe ins Material.

Gleichwohl kommentiert die Ausstellung sich selbst, indem sie stets doppelte Perspektiven einnimmt. Die Auswahl der Materialien erzeugt so auf dem engen Raum, den das Haus zur Verfügung hat, Vielstimmigkeit und hohe Verweisdichte, und sie erlaubt und ermöglicht Kurz- und Rückschlüsse, die auffordern, Anschlüsse zu suchen und zu weitergehenden Fragen zu gelangen.

Etwa zu der Frage, ob Mendelssohns Nachruhm sich von dem, was nationalsozialistische Musikologen ihm angetan haben, wieder erholen konnte, wenn Hans Schnoor oder Otto Schumann, Herausgeber von bis vor kurzem noch weit verbreiteten Musik- und Konzertführern, auch schon Autoren der "Geschichte der deutschen Musik" (Schumann, 1940) oder eines "Führers durch den Konzertsaal" (1939) waren? Gegenüber gestellte Zitaten legen eine Antwort nahe.

Prinzipiell ging die deutsche Musikologie der nationalsozialistischen Zeit von einer Überlegenheit des Deutschen auch in der Musik aus, von einem geradezu genetisch verankterten Hang zur Polyphonie. Bachs Musik war dem entsprechend die "höchste Verkörperung nordischer Tonkunst". Dass er selbst zur Dokumentation seines Familien-Stammbaums beigetragen und sich dabei als Ergebnis einer gelungenen Inzucht nachgewiesen hatte, war eine gern genommene Pointe. Weniger gern genommen wurde die enge Bindung seiner Musik an kirchliche Zwecke. Unter anderem am Beispiel seiner Trauerode BWV 198 zeigt die Ausstellung, wie durch Umdichtung der Texte die Musik für neue Zwecke nutzbar gemacht werden sollte. Diese Praxis blieb allerdings nicht unwidersprochen.

Überhaupt ist die Ausstellung reich an Verweisen auf innerideologische Konfliktlagen. Für Musik war von Regierungsseite Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zuständig, von Parteiseite Alfred Rosenberg, der schon 1928 mit seinem Kampfbund für deutsche Kultur angetreten war, die "Verbastardisierung und Vernegerung der deutschen Kultur zu beenden." Manchmal erscheint Goebbels fast als sachliches Korrektiv des weit über alle Ziele hinausschießenden glühenden Schwallkopfes Rosenberg. Dennoch entsteht aus all dem, und gerade aus der oft abgrundtiefen Widersprüchlichkeit, der Eindruck einer überaus wirkmächtigen Zurichtung der Gedanken und Gefühle.

Zwischen den Zeilen und Exponaten ist zu lesen, wie in unglückliche Gemengelagen aus persönlichen Opportunismen, Fanatismus, politischem Sendungsbewusstsein, kalter Machtpolitik und Vorteilsnahme der Eindruck einer konsistenten Ideologie entstehen konnte, deren Ausbreitungsstrategie weniger ihre Klarheit und Geschlossenheit war als ihre Interpretierbakeit und ihre Bewehrtheit mit Drohungen.

Parallel zur nationalsozialistischen Vereinnahmung Bachs zeichnet die Ausstellung den Prozess der Ausgrenzung Mendelssohns aus der deutschen Musikgeschichte nach; die Bach-Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert wird zunehmend auf seinen Mentor Zelter projiziert.

Die in Leipzig ansässige Neue Bachgesellschaft (NBG), Rechtsnachfolgerin der unter anderem von Mendelssohn gegründeten Bach-Gesellschaft und einer der Träger des Eisenacher Bach-Hauses, war nicht nur Objekt und Interpretin, sondern auch politisches Subjekt der Musikgeschichte. Darum ist in der Ausstellung zwangsläufig auch ein bisschen Nestbeschmutzung im Spiel - nicht aus Lust an der Provokation, sondern aus Wahrheitsliebe. Denn in der NBG gab es im 20. Jahrhundert nicht nur die honorigen Mitglieder wie Guido Adler, Alfred Einstein, Eduard Zuckmayer oder Wanda Landowska, sondern auch Mitglieder wie Peter Raabe, Arnold Schering, Erhard Mauersberger und andere. Und in den Dreißigerjahren waren die Karten so verteilt, dass die Vertreter der einen Seite die der anderen von der Berufsausübung ausschließen konnten - und das auch taten, voller Eifer, voller Zorn und mit systematischer Gründlichkeit.

Die Ausstellung nennt unerschrocken Namen, aber sie hat stets auch einen unbestechlichen Blick auf das, was hinter den Kulissen und Tatsachen steckt oder hätte stecken können. Sie will keine unwiderlegliche Schuldzuweisung, sondern Klarheit, und die Geschichte lieber als Ganzes denn als politisch korrektes Ereiferungs-Material.

Blut und Geist. Bach, Mendelssohn und ihre Musik im Dritten Reich. Bachhaus, Eisenach, bis 8. November. www.bachhaus.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen