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Art-School-Band: La Stampa! House der Kunst

Endlich, eine erwachsene deutsche Art-School-Band: La Stampa meldet sich mit "Pictures Never Stop" zurück. Es geht um Emanzipation vom Jugendwahn - ohne ständig davon singen zu müssen. Von Tobi Müller

19.02.2010 00:02
Tobi Müller
Hier und da zeigt sich ein Wämpchen, das den einen oder anderen Hüftschwung durchaus gewollt betont. Foto: stefan korte/staatsakt

Vor bald zehn Jahren musste die beliebte schottische Tanzband Franz Ferdinand ihr Alter jeweils ein paar Jahre nach unten lügen. Dabei trug die Retro-Combo nicht nur Gitarren vor dem flachen Bauch, sondern auch gestreifte Oberteile. Seit Obelix wissen wir warum: der noch schlankeren Umrisse wegen. Kommt hinzu, dass Sänger Alex Kapranoseinen hervorragenden Verdauungsapparat hat, wie wie man aus seinem kulinarischen Tourtagebuch schließen kann - der Mann isst gern und viel.

Das waren die Nullerjahre, als lustige Kunstschulmusik wie jene von Franz Ferdinand zwar um die Welt gehen konnte, aber die Befehle der Unterhaltungsformate dann doch brav befolgte. Jetzt fängt ein neues Jahrzehnt an, Zeit für La Stampa, die erste deutsche, durch und durch erwachsene Kunstschulpop-Band seit langem.

Die fünf Herren sind längst Dozenten und Kritiker, die Schule brennt nicht mehr. Hier und da zeigt sich ein Wämpchen, das den einen oder anderen Hüftschwung im Atelier hübsch, und ich meine: gewollt betont. Man könnte sagen, dass die tanzenden Bandmitglieder im Video zu "You were imagining things" gar nicht mehr eigentlich tanzen, sondern in diesem weißen Kunstrahmen mit ihren sexy ungelenken Bewegungen auf die Disco als Jugendidee verweisen (Kraft kostet auch der Verweis, Spaß scheint es trotzdem zu machen).

Das Alter bringt den alten Gestus des Zeigens zurück, derweil das Verkörpern nicht ohne Lüge oder plastische Chirurgie zu haben wäre, letzteres etwa bei Marina Abramovic, der Königin der Performance-Kunst. Wenn La Stampa etwas verkörpert, dann ist es die Emanzipation vom Jugendwahn - und zwar ohne ständig davon singen zu müssen wie Tocotronic. Wer seine neue Band in diesen Zeiten italienisch Die Presse nennt, verspricht nicht primär Nachrichten aus der Jugendkultur und deren Spätfolgen.

Der Puls auf dieser Platte mag meistens zickig zwirbeln, wie es die Tradition der New Wave verlangt. Doch was die wavigen Referenzbands aus den späten Siebzigern und folgende noch wenig wünschten, umarmt La Stampa: Disco, Geschmeidigkeit, House. Diese Produktion schillert zwischen Stolpern und Gleiten. Das akustische Handwerk der Band stolpert, das fast samtene Klangkleid des Produzenten Thies Mynther gleitet. Doch es sind auch einige luftige Refrains und Stimmführungen, welche die geschlechtslose Eleganz heraufbeschwören. Das hört man besonders schön in "Für den Moment" und "Es geht weiter", wo Ko-Sänger Jörg Heiser in die Kopfstimme wechselt und die Pop-Psychedelik des Chef-Beach-Boys Brian Wilson nachklingt.

Man würde La Stampa also unrecht tun, in der Band bloß eine hippe Berliner Kunstachse in die halbe westliche Metropolenwelt zu vermuten. Hier geht was, auch musikalisch. Und wenn gleich der erste Song in der ersten Zeile kundtut, dass er vom amerikanischen Maler Ed Ruscha handelt, soll bitte niemand was von Klugscheißerpop erzählen. Offenheit ist nie schlaumeierisch, Esoterik immer. La Stampa meinen vielleicht auch ein bisschen sich selbst, wenn sie über Ed Ruscha singen: "There´s nothing spiritual about his ways" - der Mann hat nichts Spirituelles. Ed Ruscha kann man im Münchner Haus der Kunst anschauen. La Stampa diesen Samstag in Berlin.

Live in Berlin: Samstag, 20. Februar, Ballhaus-Ost.

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