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Antisemitismus, Sexismus, Gewalt Dieser Echo ist nicht mehr zu retten

Immer mehr Echo-Preisträger geben wegen des Antisemitismus-Skandals ihre Trophäen zurück - darunter auch Musiker, die Homophobie und Sexismus bei anderer Gelegenheit noch nicht so schlimm fanden. Am Ende geht es eben doch nur um den Plattenverkauf.

Kollegah Echo 2018
Kollegahs Reaktion auf Campinos Rede bei der Echo-Verleihung. Foto: afp

Der Echo scheint am Ende. Kaum eine Woche, nachdem Kollegah und Farid Bang den Preis in der Kategorie „Hip-Hop National“ erhalten hatten, wendet sich die halbe Unterhaltungsbranche von der Preisverleihung ab. Die Veranstalter wollen das Konzept überdenken, Forderungen werden laut, die Auszeichnung ersatzlos zu streichen. Aus der ganzen Szene hagelt es Kritik.

Wolfgang Niedecken empörte sich auf Facebook. Der Frontmann der Kölner Rockband BAP hielt die Laudatio auf seinen Freund Klaus Voormann, der wiederum einen Echo für sein Lebenswerk erhalten und diesen mittlerweile zurückgegeben hat. Das kündigten auch die vier Musiker vom Notos-Quartett an, die 2017 den Echo-Klassik erhielten. Der Pianist Igor Levit und der Dirigent Enoch zu Guttenberg haben ihren Auszeichnungen mittlerweile zurückgegeben, Marius Müller-Westerhagen will es mit seiner umfangreichen Echo-Sammlung tun.

Auch Campino kritisierte den Rapper in seiner Dankesrede, den Echo für seine Band „Die Toten Hosen“ in der Kategorie Rock, den nahm er aber dennoch mit nach Hause. Am Ende des Abends war er der Einzige, der kritische Töne anschlug. Peter Maffay, nicht nominiert, aber vor Ort, verließ die Veranstaltung nach dem Auftritt der beiden Rapper.

Im Nachgang bezeichnete er die Veranstaltung als „Mischung aus Dummheit, Feigheit und fachlicher Inkompetenz“. Maffay hatte allerdings gemeinsam mit Sido und Bushido 2011 noch einen Song aufgenommen und Bushido beim Bambi gegen den Vorwurf des Sexismus und der Homophobie verteidigt. Mittlerweile hat sich Maffay aber auch davon distanziert und die Freundschaft zu den Rappern aufgekündigt.

Mit am lautesten empörten sich Vertreter des Öffentlichen Rundfunks, allen voran Thomas Schreiber, ARD-Koordinator für Unterhaltung. In einem Gastbeitrag für die „Welt“ ereifert sich Schreiber über die fehlende Haltung der Veranstalter, die wohl daraus resultiere, dass „Textsicherheit und Repertoirekenntnis nicht unbedingt zu der Qualifikation der Verantwortlichen“ gehörten. So weit, so richtig. Allerdings war es Schreiber höchstpersönlich, der vor zwei Jahren Xavier Naidoo für Deutschland zum Eurovision Song Contest schicken wollte – die Europameisterschaft der Musik und ein Preis, den die ARD als Mitveranstalter hoch hält. Egal wie absurd es scheinen mag, Musiker gegeneinander antreten zu lassen, als seien sie bei einem Wettrennen.

ARD will nicht verzichten

Damals musste sich Schreiber für seine Nominierung der Kritik stellen, die sich sehr ähnlich anhörte wie die, die jetzt den Echo-Veranstaltern entgegenschlägt. Denn Naidoo kennt sich aus mit antisemitischen Codes, macht in seinem Lied „Raus aus dem Reichstag“ aus dem jüdischen Namen Rothschild den Baron Totschild. Gemeinsam mit Kool Savas berichtete Naido seinen Fans von „Logen“, in denen bei okkulten Ritualen kleine Kinder getötet werden – Antisemitismus in seiner Reinform, ganz ohne die Vokabeln Auschwitz und Holocaust. In einem weiteren Lied der beiden werden Homosexuelle in den Bereich der Pädophilie gerückt. Für Savas Standard, schon vor Jahrzehnten rappte der Berliner über die angebliche „Perversität“ von Sex zwischen Gleichgeschlechtlichen.

Schreiber und Campino sind bezeichnende Beispiele, dass hier moralische Maßstäbe an die Musikindustrie angelegt werden, die die Branche nicht zu erfüllen imstande ist. Es geht beim Echo bekanntermaßen um Verkaufszahlen und nicht um politische Bildung. Das zeigt sich schon am Skandal, der sich an einer Textzeile entzündet, die geschmacklos, aber nicht antisemitisch ist, und die übrigens gar nicht von Kollegah, wie allgemein kolportiert, sondern von Farid Bang stammt. In der Branche scheint keiner gewillt zu sein, sich mit den wirklich antisemitischen, frauen- und schwulenverachtenden Inhalten des Werks der beiden auseinanderzusetzen.

Würde man den Inhalt tatsächlich kritisch prüfen, bevor man Liedgut verbreitet, die Folgen wären weitreichend und würden nicht damit enden, dass man wie beim WDR Kollegah und Co. nicht mehr spielt – was sie dort ohnehin nie getan haben. Man müsste über Xavier Naidoo sprechen, über die Söhne Mannheims und den Rapmusiker Cro. Er erzählt in seinen Liedern davon, wie er ein Mädchen, das ihn anhimmelt, erst schwängert und dann sitzen lässt. Er gibt in seinem Song „Easy“ einen „Fick auf Frauen“, die ihn doch nur heiraten wollen und in seinen Videos alle aussehen wie Topmodels. Weil das aber das einzige Schimpfwort im Song bleibt, ist das ganze radiotauglich und wurde von den ARD-Anstalten einst hoch und runter gespielt.

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