Lade Inhalte...

Anke Helfrich Widmung an einen Traum

Die Jazzpianistin Anke Helfrich mit ihrem qualitätsbewussten Album „[dedication]“.

09.11.2015 15:30
Hans-Jürgen Linke
Die Jazzpianistin Anke Helfrich. Foto: Wibke Helfrich

Anke Helfrich, Dozentin an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt am Main, ist eine der wichtigsten europäischen Pianistinnen des zeitgenössischen Jazz, hat einen wachen und regen Sinn für Traditionen und liebt offenbar erweiterte Trio-Besetzungen. Ihre eigene Jazz-Traditionslinien zieht sie von Thelonious Monk über Kurt Weill bis zu Herbie Hancock, und für ihr aktuelles Album „[dedication]“ nimmt sie zusätzlich außermusikalische Anregungen auf, die für ihre Musik und im Leben wichtig und prägend sind. Ihr Trio besteht diesmal aus Martin Wind am Bass und Jonas Burgwinkel am Schlagzeug, eine Besetzung, die von einem enormen Qualitätsbewusstsein zeugt. Als Gäste sind der Trompeter Tim Hagans und als Rezitator Ardie Walser dabei.

Für Nelson Mandela

Ja, Rezitator. Denn zwei Stücke von Anke Helfrich leben von einem intensiven Text-Bezug, und für das erste wird jemand gebraucht, der das Gedicht „Invictus“ des englischen Dichters William Ernest Henley angemessen zu rezitieren versteht. Das aus vier Vierzeilern bestehende, heroisch-trotzig gesinnte Poem soll, heißt es, für Nelson Mandela eine Quelle des Lebensmutes während seiner langen Gefangenschaft gewesen sein. Mandela ist der Widmungsträger der Komposition „Invictus“. Ein autobiografisches Thema schwingt darin insofern mit, als Anke Helfrich etliche Jahre lang in Namibia aufgewachsen ist, wo ihre Eltern in der Anti-Apartheid-Bewegung aktiv waren und mit ihr in die schwarzen Townships gingen.

Das gewichtigste und vermutlich zentrale Stück des Albums bezieht sich ebenfalls auf einen Text. „The Prize“ und ist zwölf Minuten lang und setzt sich mit der berühmtem „I have a dream“-Rede des Bürgerrechtlers Martin Luther King vom 8. August 1963 auseinander. Die Musik kommentiert dabei nicht die Rede, sondern nähert sich dem Text mit Empathie und legt den reichen musikalischen Charakter von Kings Rhetorik frei – die suggestive Melodik und Rhythmik, die dramaturgisch wirkungsvolle Art, Pausen und Tempovariationen einzufügen, die dynamischen Steigerungskonzepte, die ruhig-selbstvergewissernden harmonischen Strecken und die ins Utopische weisende Coda. Und sie lässt immer genug Raum, um Reaktionen des Publikums als bedeutsames musikalisches Element hörbar zu machen: Es ist eine Redeweise der call-and-response-Traditionen afroamerikanischer Gottesdienste.

Nicht nur großen, fernen Helden und Vorbildern gilt jedoch Anke Helfrichs Widmungs-Album, sondern auch näheren Menschen: der Familie („Sagrada Familia“), dem Freund („Aspettami“) und den Freunden und Mitmusikern. Die Verwendung verschiedener Tasteninstrumente in den Stücken – Klavier, E-Piano, Harmonium – spricht eine eigene, prägnant klingende Sprache und gibt dem Album ein weites Spektrum von Klangfarben.

Ein unerwähnter Widmungsträger ist möglicherweise die Stadt New York mit ihrer fast mythischen Energie, die im Jazz seit je Spuren hinterlässt und den urbanen Hintergrund für das emanzipatorische, internationalistische und antirassistische Lebensprogramm bildet, das für Anke Helfrich hörbar mit ihrer Musik verbunden ist.

Anke Helfrich Trio, featuring Tim Hagans: [dedication]. Enja Records 9618, Vertrieb: Soulfood.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum