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Andrés Orozco-Estrada Der neue Besen: ein Hexenbesen

Ansteckend: Andrés Orozco-Estradas erster Auftritt als Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters.

24.08.2014 16:48
Stefan Schickhaus
Debüt als HR-Dirigent in der architektonisch grandiosen, akustisch tückischen Basilika von Kloster Eberbach. Foto: Ansgar Klostermann

Andrés Orozco-Estrada scheut den Vergleich nicht, ja er scheint ihn regelrecht gesucht zu haben. Der neue Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters gab jetzt seinen Einstand mit einem Konzert in der Basilika des Klosters Eberbach und mit der weltlichen Kantate „Die erste Walpurgisnacht“ von Felix Mendelssohn – wohl wissend, dass sein Amtsvorgänger und Conductor Laureate des hr-Orchesters, Paavo Järvi, vor wenigen Wochen am selben Ort das Rheingau Musik Festival ebenfalls mit einem Mendelssohn-Programm eröffnete.

Järvi dirigierte unter anderem die „Sommernachtstraum“-Musik für Orchester, Chor und Solisten, Orozco-Estrada nun die fast identisch besetzte „Walpurgisnacht“. Und doch fällt der Vergleich schwer, denn Järvi hatte das filigranere, das farbigere Werk. „Die erste Walpurgisnacht“ nach der bekannten Goethe-Ballade ist da doch deutlich holzschnittartiger und pauschaler.

Andrés Orozco-Estrada konnte sich also schwer nur als Feinzeichner präsentieren. Ihm kam hier in erster Linie die Rolle des neuen Besens zu, der kräftig durchfegte: Ungestüm, dynamisch, den MDR Rundfunkchor gehörig strapazierend. Im FR-Interview hatte sich der Kolumbianer erfreut darüber gezeigt, wie schnell des Orchester seinem Wunsch nach einem leichten, sprechenden Mendelssohn nachgekommen ist, wie rasch die Streicher auf einen kurzen Bogenstrich umzuschalten verstanden. Allein: In der kaum differenzierbaren Akkustik der Basilika ließ sich das Ergebnis schwer nur überprüfen. Paavo Järvi war es zum Festivalauftakt ja ähnlich ergangen: Bei beiden konnte man den feingliedrig-pointierten Mendelssohn-Ton mehr erahnen als wirklich vernehmen. Orozco-Estrada hatte im Pausengespräch des vom Hessischen Rundfunks live übertragenen Konzerts bekannt, die Klosterbasilika vorher nicht gekannt zu haben – mit deren Tücken wird er sich noch ausreichend auseinandersetzen können, der HR ist schließlich Medienpartner des Rheingaufestivals. Was man jetzt schon sagen kann: Ein Paavo Järvi hat hier wiederholt gezeigt, dass auch in großer Lautstärke der Klang kultiviert und hoch qualitativ bleiben kann.

Der neuen Besen schwang zum Einstand den Hexenbesen: Der „Walburgisnacht“-Musik ging Richard Strauss‘ „Macbeth“ voraus, Hexen sind auch hier am Werk. Dazu von Richard Wagner Vorspiel und Liebestod aus „Tristan und Isolde“, der Liebestrank wird hier ja nach alter magischer Kunst gebraut. Echten „Tristan“-Zauber entfachte Andrés Orozco-Estrada erst mit den Schlussklängen, wie auch bei Mendelssohn der Moment des Verklingens immer ein ganz besonderer war beim Dirigat des 36-Jährigen. Wie delikat er sich auch auf Zwischentöne versteht, muss ein Wiederhören an einem neutraleren Konzertort klären.

Soviel aber ist sicher: Der Mann aus Medellín ist ein ansteckender und zupackender Motor am Pult, in seinem Strauss- „Macbeth“ (in dem die beiden roten Fäden des diesjährigen RMF-Programms, die Jubiläen von Strauss und Shakespeare zusammengeführt wurden) flossen für die Ohren mehr Blut, Schweiß und Tränen als für die Augen in Roman Polanskis legendären Verfilmung von 1971 – auch diesen Vergleich muss Frankfurts Neuer nicht scheuen.

Der Mitschnitt unter concert.arte.tv/de

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