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Alte Oper Vom Schrecken und Pomp der Macht

Ein großer Konzertabend mit dem Orchester des Mariinsky in der Alten Oper Frankfurt.

Valery Gergiev
Das Mariinsky-Orchester unter Valery Gergiev. Foto: Achim Reissner

Mit einem flirrenden und zutiefst anspruchsvollen Programm, das Virtuosentum des Orchesters wie des Solisten fordernd, trat das Orchester des Mariinsky Theaters St. Petersburg in der Alten Oper Frankfurt an. Im Zentrum nach der Pause stand die gigantomanische 4. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch, bei der einem Angst und Bange werden kann und auch sollte, so sehr, dass aus heutiger Sicht selbstverständlich kein Staat damit zu machen ist. Eher erzählt die Musik, noch dazu wie sie hier erklang, ganz offensichtlich von den Schrecken der Macht, vom hohlen Gedröhn ihrer Inszenierung.

Zur Uraufführung kam das Werk tatsächlich erst Anfang der 60er Jahre. In die Arbeit fiel 1936 der für den Komponisten fatale „Chaos statt Musik“-Aufsatz, der sich gegen die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ richtete, im Stalinismus aber tödlich hätte sein können. Eine entsetzliche Lebensphase für Schostakowitsch, der sich mit der Arbeit an der Vierten schwer tat. Die Petersburger unter ihrem beeindruckend entspannt wirkenden Chef Valery Gergiev behandelten das wuchtige Ergebnis mit der Empfindsamkeit, die man einer Mahler-Sinfonie angedeihen lassen würde. Ausgefeilte Bläsersoli – ohnehin ein Abend für die fantastische Soloflötistin der Petersburger –, ein rasendes Streichermeer, schärfste Einwürfe der Percussionisten.

Zur unfrohen Unterhaltungsmusik inklusive einer nachgestellten Drehorgel, zu Musik, die wie aus einem Korsett gelöst alle erdenklichen Richtungen einschlägt, gesellt sich das Maschinelle. Sensationell, wie Gergiev und das Orchester den Klang im letzten Satz herunterfahren, die Maschine praktisch drosseln, um dann zu einem gruseligen Finale erneut auszuholen und die Klangwalze schließlich ein letztes Mal ausrollen zu lassen. Wer nach seiner Sinfonie einmal wirklich Ruhe haben will, muss nur so aufhören. Im Großen Saal mit all uns kleinen Menschlein darinnen wartete jedermann mucksmäuschenstill ab, bis Gergiev das Konzert mit einer leichten Schulterbewegung beendete.

Die Sinfonie, ein Fall für ein 100-Menschen-Orchester, wurde vor der Pause ambitioniert und angemessen vorbereitet: Mit Aufmerksamkeit auf allen Seiten verlangender Moderne, hier noch dazu jenseits der Routine dargeboten. Das Flötensolo zu Beginn von Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faun“ spiegelte sozusagen den Soloauftritt des Instruments gegen Ende der Vierten. Debussys Sommermusik, getragen und sämig, dabei verwirrend ungleichmäßig, lotete die Möglichkeiten von Orchestermusik ebenso tief aus wie Sergej Prokofjews 3. Klavierkonzert mit dem stupenden Solisten Alexei Volodin. Das Orchester ist nicht Begleiter, sondern defintiv Akteur, hier auch durchaus Konkurrent. Volodin, wie immer ohne Attitüde, verschaffte sich glanzvoll Gehör.

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