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Alte Oper Verdis Vatikan

Härte, Klarheit, gefasste Geschmeidigkeit: Die „Messa da Requiem“ mit dem HR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada in Frankfurt.

Hans von Bülow, Dirigent und Zeitgenosse von Giuseppe Verdi, hat sie eine Oper im Kirchengewand genannt – die „Messa da Requiem“, die am 22. Mai 1874 im Markusdom Venedigs uraufgeführt wurde. Ein Werk, das sein Schöpfer gerade nicht opernhaft aufgeführt wissen wollte, weil ihm Attitüden, „wie sie auf dem Theater angebracht sind, mir hier nicht, aber auch schon gar nicht zusagen“. Ein Mutant war da seit 1869 entstanden: zwischen kanonisiertem Ablauf, wie ihn die lateinische Liturgie der Totenmesse vorschreibt, und einer Ausgestaltung, die immerhin so weit von dem affektlosen gregorianischen Modell abstach, dass die Gefahr der Nähe zur opernseligen Stimmungslage vom Komponisten selber gesehen wurde.

Ein Monolith, der die vom religiösen Kult versorgten Problemfelder der Existenz zwischen Sterblichkeit, Erlösung und Gerechtigkeit in eine individualistische Schöpfung überführte: Verdis eigener klingender Vatikan. Im Gegensatz zur gedeckten Statik der sarkamentalen Heilsanstalt mit den herrlichsten Möglichkeiten, auf die Pauke zu hauen, die Stimmen in höchste Höhen, geflüsterten Hauch und farbigste Klänge zu treiben: Effekt & Affekt, Besinnung & Besinnungslosigkeit.

Davon hielt sich die Aufführung des HR-Sinfonieorchesters unter der Leitung Andrés Orozco-Estradas aber doch ziemlich fern. Sicher, den Dies-irae-Knaller mit seinen donnernden Trommelschlägen und die Trommelfelle der Zuhörer strapazierenden Bläser-Attacken erlebte man auch jetzt im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Aber der Richter des Jüngsten Tags war kein Kommandeur mit sei’s sadistischen oder dionysischen Vorlieben. Gestaltperfektion, genaue Abmessung, gerade geschnittene Formate bei allem Furor; und besonders eindringlich enorme Zurücknahmen, feinste, fast ätherische Dimensionen an anderer Stelle.

Es war ein Ereignis, wie genau aufeinander eingestimmt das blendende Orchester mit dem überragenden MDR Rundfunkchor (Einstudierung Philipp Ahmann) harmonierte. Keine Opernsüffigkeit, kein taumelndes Außersichsein, sondern Härte, Klarheit und gefasste Geschmeidigkeit.

Die Solisten arbeiteten der a-operalen Devise der Interpretation Orozco-Estradas bestens zu. Dennoch blieben die Vokal-Quartette hölzern und unintegriert. Eine Ausnahme war das schöne Duett von Erika Grimaldi (Sopran) und Violeta Urmana (Mezzosopran) im „Agnus Dei“. Blendend war Grimaldi im finalen „Libera me“, wo sich der Opern-Affektstrom doch breiter Bahn brach. Eine feine Stimme hatte Saimir Pirgu (Tenor); etwas belegt der Bass von Carlo Colombara.

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