Lade Inhalte...

Alte Oper Todernste Gaukeleien

Klassik, exzentrisch: MusicAeterna und Teodor Currentzis in Frankfurts Alter Oper

Allemal intensiv: Teodor Currentzis dirigiert in der Alten Oper. Foto: Tibor-Florestan Pluto

Glenn Goulds welterschütternder Klavierton kam aus den kanadischen Wäldern. Das Musikerkollektiv MusicAeterna trat seinen Weltruhm von der russischen Stadt Perm aus an. Wo liegt Perm? Im Ural, also am nordwestlichen Ende Europas oder der Welt. Ein Erbe des Exzentrikers Gould ist der Exzentriker Teodor Currentzis, 1972 in Athen geboren, der MusicAeterna 2004 im sibirischen Nowosibirsk gründete. In der laufenden Spielzeit stehen diese Künstler mit drei Konzerten im Focus der Alten Oper. Das ist sehr schön, aber beileibe keine Pioniertat, denn schon fast ein Jahrzehnt lang ist der Musikbetrieb raunend auf sie fixiert.

Und das auf durchaus polarisierte Weise. Denn Musikerlebnis als gemütliche Gewohnheit will sich hier nicht vermitteln. Aufregung ist eingeplant. Das aktuelle Frankfurter Konzert zeigte das schon in Äußerlichkeiten.

Verblüffend anzusehen, wie die rund 70 Instrumentalisten (ausgenommen die Violoncelli) stehend Musik machen. Die Botschaft in etwa: Wir sind, jeder für sich und für alle, Solisten und nicht Teile eines Apparats. Wir steigern unsere Intensitäten bis an die Grenzen des Möglichen. Und Currentzis, hochgewachsen, überschlank, asketisch, ein Charismatiker in schwarzem Kosakenhemd und Leggins, scheut kein Popstar-Image, verbindet indes die Show mit dem Todernst einer – man muss es wieder paradox sagen – entspannten perfektionistischen Besessenheit.

So vermittelt sich die vorgetragene Musik als „authentische“ große Kunst, aber auch als Ergebnis einer höheren Gaukelei, ganz nah auch am Bluff (sind das, seien wir ehrlich, nicht auch die idealen Voraussetzungen für „Faust“ und die „Neunte“?). Geradezu demonstrativ appellierte die Programmwahl an solche exaltierten Qualitäten. Sergej Prokofiews „Symphonie classique“ könnte als marionettenhaft animierter Gipsabguss von Haydn daherkommen. Statt zeichnerischer Konturiertheit und klassizistischer Umrissfestigkeit bot Currentzis, namentlich in den Ecksätzen, wilde Jagd und pfingstlich fegenden Wirbelwind, kostete es, was es wollte. Es kostete beim Orchester nicht mehr als eine Portion guter professioneller Anstrengung. Und genaues Aufeinanderhören bei den Rubati des Menuetts, die mit Stokowski-Charme die musikalische Gestik verbreiterten.

Verwandt damit und doch von weitaus dämonischerem Format die 9. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, höhnische Grußadresse an den Genossen Stalin, der zum Kriegsende eine Lenin- und Oktobersymphonie mit Beethovenpathos erwartete. Er bekam eine clownesk maskierte Zirkusnummer, die nur an einigen Stellen den Blick hinter die harlekinesk foppenden Klangkulissen gewährte – im verhangen langsamen Satz oder der rezitativischen Überleitung zum Finale, wo das Solofagott (immer die ganz persönliche Stimme des Autors Schostakowitsch) zweimal mit dem brutalen Machtspruch des schweren Blechs kollidiert. Eine Szene, deren Theaterhaftigkeit Currentzis gebührend exponierte.

Die Eingangsposition hatte ungewöhnlicherweise ein Klavierkonzert: das zweite von Schostakowitsch, 1957 komponiert und Dokument eines nicht mehr ganz so angespannten Stils. Solist Alexander Melnikov gab die spielerisch-virtuosen Ecksätze (Oktav-Unisoni markieren ebenso skelettuöse Transparenz wie kristalline Härte des Satzbildes) mit gekonnt kühler, manuell unfehlbarer Sachlichkeit, ließ dann aber im gleichbleibend leisen, in Rachmaninow’scher Empfindsamkeit hauchenden Andante Momente der extremen Versunkenheit bis hin zur klanglichen Entmaterialisierung erkennen. Das Orchester folgte bis in die kleinste Nuance. Bei aller atemberaubenden Zirkushaftigkeit fehlte am Schluss wohl doch eine Prise dröhnender Bombastik – das wurde nachgeholt mit einem markerschütternden Fragment aus Prokofiews „Romeo und Julia“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen