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Alte Oper Klanglust ohne Klischees

Sir John Eliot Gardiner und Piotr Anderszewski mit Beethoven in der Alten Oper Frankfurt.

Eigentlich wollte Sir John Eliot Gardiner noch einmal die Bühne mit Maria João Pires teilen, jener fantastischen portugiesischen Pianistin, mit der er vor Jahren hier in Frankfurts Alter Oper Beethovens 2. Klavierkonzert der Zeit enthob und eine kristallklare Binnenspannung erzeugte, die lange lange nachhalte. Schon im letzten Jahr kündigte Pires ihren Abschied an, im Mai, so der Plan, sollte endgültig Schluss sein. Doch dann musste sich die 73-Jährige im Januar bereits zurückziehen. Gardiner fand kurzfristig klugen Ersatz: Der Pole Piotr Anderszewski, eine Generation jünger als Pires, ist wie sie viel eher an innerer als an äußerer Dramatik interessiert. Und wie sie blickt auch Anderszewski mit großer Zurückhaltung und quasi vom Rand aus auf das Hamsterrad des internationalen Konzertlebens.

Und doch geht er Beethovens 1. Klavierkonzert schroffer, fordernder, auch widersprüchlicher an als Gardiner, der in der langen Orchesterexposition das Frühwerk doch hörbar eleganter und auch verspielter deutet. Zugleich entwickelt Anderszewski im mittleren Largo eine faszinierende kaleidoskopische Farbwelt – wie sich hier überhaupt zwischen Solist und Orchester ein konzertantes Zwiegespräch entwickelt, das nicht mehr auf Kategorien wie Führung und Begleitung zurückgeht, sondern auf ein genau ausgehörtes, dynamisch dabei enorm abgestuftes Mit- und Ineinander zielt. Gardiner selbst hört hier sehr genau zu, die Akzente aber setzt Anderszewski.

Auch Robert Schumanns Genoveva-Ouvertüre oder später, nach der Pause, dessen 2. Sinfonie op. 61 sind in jedem Augenblick detailscharf, satt und gleichermaßen transparent wie fulminant. Doch der revolutionäre Impuls, mit dem Gardiner einst als Motor der Alte-Musik-Bewegung den Staub aus den Partituren Johann Sebastian Bachs schüttelte, ist bei Schumann längst nicht mehr greifbar. Hier wird nichts offensichtlich gegen den Strich gebürstet, sondern mit fast hedonistischer Klanglust ausgespielt. Entscheidend ist dabei vielmehr, dass dieser Klang nichts mehr mit dem Klischee orchestraler Spätromantik zu tun hat.

Daran hat auch das London Symphony Orchestra, das älteste Orchester der Insel, erheblichen Anteil. Gerade die 2. Sinfonie ist in großen Bögen gedacht und von einem gespannten Ton getragen, aber zugleich im Inneren bewegt. Man könnte auch sagen: Die alte Idee des sinfonischen Pathos wird von einem Konzept kinetischer Energie abgelöst. Das hat im Übrigen nichts mit Tempo zu tun, sondern ist eher eine Frage der Spielhaltung. Und die macht, bei aller intellektuellen Durchdringung, allen Beteiligten an diesem Abend in der Alten Oper hörbar Spaß.

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