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Alte Oper Keine Armee kann darauf marschieren

Jurowski und das Gustav Mahler Jugendorchester stellen sich in Frankfurts Alter Oper sperrigen Werken von Bartók und Schostakowitsch.

Vladimir Jurowski wurde kürzlich (nach einigem Vorlauf endlich offiziell) als künftiger Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München vorgestellt – was noch weit weg klingt, 2021, ist im großformatigen Opernbetrieb greifbar nah. Montagabend ehrten ihn die International Opera Awards in London außerdem als „Dirigenten des Jahres“. In der Alten Oper Frankfurt ist er regelmäßig zu Gast, beim Konzert mit dem Gustav Mahler Jugendorchester war die Stimmung aber vielleicht noch etwas enthusiastischer als sonst, weil auch Musikerinnen und Musiker selbst vergnügt mitjubelten: Sie zollten dem Chef ihrer Oster-Tournee Respekt, die morgen in Madrid weitergeht. Vielleicht war es auch die Entspannung nach übergroßer Aufmerksamkeit.

Das Programm nämlich: zwei sperrige Brocken, der zweite ein Eisberg gar; Werke, in denen sich jedenfalls nichts von selbst ergibt und auf rhythmische Gewohnheiten keine Rücksicht genommen wird (auf tonale ohnehin nicht). Auch zahlreiche Orchestersolisten kommen zum Zug, neben dem Interesse am bis heute immensen Überwältigungseffekt mag das bei der Wahl eine Rolle gespielt haben. Jurowski musste sich hier nicht zuletzt als regelrecht schnittiger Ansager zeigen, schneidend und unzweifelhaft waren in der Tat die Gesten, mit denen er das Orchester durch Béla Bartóks vertrackte Partitur führte. Im Konzert für zwei Klaviere, Schlagzeug und Orchester (1937 als Sonate geschrieben, 1940 im US-Exil zur erfolgversprechenderen Konzertfassung umgearbeitet) galt es, scheinbar simple kleine Elemente raffiniert zu verschachteln und sich so in bizarren, hier aber eher milde klingenden Formationen immer weiter nach vorne zu verschieben. Zur besseren Übersicht waren auch die beiden Flügel vor dem Dirigenten positioniert. Zu zwei jungen Orchesterschlagzeugern kam an dieser Stelle konzentrierte Erfahrung (und verheiratet sind sie auch): Tamara Stefanovich und Pierre-Laurent Aimard waren eine perfekt sichere Front in der lebhaften, aber nicht hektischen Bewegung, dabei in kollegialem Kontakt mit den Schlagwerkern. Blicke sausten wie Töne durch den Raum. Zusätzlich unterhaltsam: Während Aimard traditionell umblättern ließ, wischte Stefanovich selbst über den Flachcomputer, der zuvor zeremoniell hereingebracht und zurechtgelegt worden war. Auch zupften die beiden aus ihren Sträußen mit unterschiedlichem Erfolg Blumen für ihre Mitstreiter. Hoffentlich war der Florist nicht im Publikum.

In Dmitri Schostakowitschs 8. Sinfonie (1943) – jetzt ging es an die Tonmassen – ließ sich das Orchester auf nun knallvoller Bühne auf mächtige Aufwallungen ein, denen Jurowski aber alles denkbar Pathetische austrieb. Die propagandistischen Selbstkommentare des zu Recht vorsichtigen Komponisten führte das ad absurdum. Hart und kalt genug klang das Tschingderassa, auf das noch keine Armee marschieren konnte. Im Gesamtklang etwa des fahlen Beginns dagegen mied das sympathisch schönheitsbedürftige Nachwuchsorchester die tödlich eisigen Bezirke, in denen sich Schostakowitsch bewegt. Exzellent und mit Stahlnerven: die Solobläser.

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