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Alte Oper Frankfurt Nicht von gestern

Unüberholbar poetisch und phantastisch: Die Alte Oper Frankfurt mit Film und Musik aus den zwanziger Jahren.

Orchester
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, hier Dirigent Frank Strobel und Altsaxofonist Lutz Koppetsch. Foto: Wonge Bergmann

Junge Leute lieben „lange Nächte“. Ein Event dieses Namens lockte nun ein Publikum in die Alte Oper, wie man es dort nicht immer erlebt: Interessenten des Films und des musikalischen Sounds der 1920er Jahre. Und dabei wurden Besucher sich auch gegenseitig zur Attraktion, indem manche, Frauen wie Männer, sich kostümiert hatten im Stil der frühen Marlene Dietrich oder des jugendlichen Willy Fritsch. Trotz mitunter etwas holpriger Organisation (unklare Anfangszeiten, unplanmäßig platzierte Kurzfilme) waren die (ausverkaufte) „lange Nacht“ und ihre Nachbarveranstaltungen ein Höhepunkt der laufenden Frankfurter Kultursaison.

Aufwendig, aber auch beeindruckend das Prinzip, die vorgeführten Stummfilme mit Live-Musik zu kombinieren. Dazu waren unter anderem das stark besetzte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Leitung: Frank Strobel) und das Collegium Musicum Zürich mit dem Dirigenten Johannes Kalitzke engagiert – gestandene Wiedergabeexperten für Filmmusik. Einmal dabei, brillierten die Berliner auch noch mit filmnahen Orchesterpartituren wie dem gestaltenreich-eloquenten „American in Paris“ von Gershwin – wenn hier sieben Minuten nach Beginn der Blues mit seinem hinreißenden Trompetensolo anhebt, bleibt kein Auge trocken. Dazu die selten gespielten „Offrandes oubliées“ des jungen Olivier Messiaen (mit heftigen Mittelteil-Attacken und einer schon ganz einen eigenen Ton enthaltenden sublim-verzückten finalen Streicherkantilene) oder Hanns Eislers sehr deutsch und fast hindemithisch polyphon gebauter Suite Nr. 3, deren zündender Schlusssatz das „Solidaritätslied“ verwurstet.

In filmischen Zaubereien von Walt Disney („Alice Comedies“, 1926) und Ladislas Starevitch („Die Wunderuhr/ Der Zauberwald“, 1928) sorgte Paul Dessau für die Musik. Klar, dass der musikalische Live-Vortrag die Präsenz der Klangsphäre sowieso aufwertet. Gleichwohl ist evident, dass die Musik beim Stummfilm proportional mehr Beachtung beansprucht (und bekommt) als beim Tonfilm, eben weil die gesprochene Sprache entfällt. Disneys frühe ingeniöse Mickymausiaden funktionieren dank plastischer Klang-Untermalung auch so gut wie ganz ohne Schrifteinblendungen.

Wenn, wie bei Starevitch, eine „Geschichte“ erzählt wird (mit lebenden Darstellern und Puppen), erhöht sich auch der Schriftanteil. Dessaus Musik agiert in einer besonderen Zone zwischen „auffällig“ und „unauffällig“; gelegentlich werden Zitate – gewissermaßen als Schrift-Substitut – benutzt, etwa das finale Liebesduett aus dem „Rosenkavalier“ oder das Kinderlied „Ein Männlein steht im Walde“.

Die Simultanereignisse im Mozart- und Großen Saal der Alten Oper (auch mit der HR-Bigband) gestatteten für den einzelnen Besucher nur Programm-Ausschnitte. Immerhin ließen sich die wenigsten die surrealistischen Filmklassiker „Entréacte“ (René Clair) und „Un chien andalou“ (Luis Buñuel und Salvador Dalí) entgehen. Zu letzterem wurde eine neu komponierte, recht düster gestimmte Musik von Mauricio Kagel gespielt, die auch dem Titelhund – der ja gar nicht im Bild auftritt – eine ausgiebig jaulende und winselnde Stimme gibt. Die frühere Musik mit den etwas abgenutzt erscheinenden „Tristan“-Zitaten wird von Kagel nur mit einem winzigen Moment erinnert.

Im Zusammenhang mit dem Alte-Opern-Fokus brachte am Folgetag das Deutsche Filmmuseum eine der interessantesten Filmrekonstruktionen: Fritz Langs Stummfilm „Der müde Tod“ von 1921 mit dem neuen Soundtrack von Cornelius Schwehr, einer pietätvoll den Musikgeschmack der 20er nachempfindenden Instrumentalkulisse. Der fast 100 Minuten lange sechsteilige Film mit der mädchenhaft jungen Lil Dagover variiert den Orpheus-Mythos; hier ist es die Frau, die ihrem toten Geliebten durch allerlei „Anderswelten“ nachsteigt und endlich, in diesem oder eher in jenem Leben, mit ihm wieder vereinigt wird. Lang kombiniert hier mit großem Raffinement eine einheitliche Story mit Meriten des Episodenfilms, die „exotische“ Schauplätze motivieren, wobei in mirakulös-naiver Klischeehaftigkeit der muslimische Orient, das Italien der Renaissance und ein bizarres Pappmaché-China für Kolorit sorgen.

Ein Fazit dieser ganzen Film- und Musikeindrücke könnte besagen: In 100 Jahren hat die technologische Entwicklung Riesenfortschritte gemacht; dabei ist ein Zuwachs an Poesie oder Phantasie nicht zu bemerken. Irgendwie auch tröstlich: Kunst kann Generationen schadlos überdauern. Und übermorgen noch gefallen.

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