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Alte Oper Frankfurt Die Faszination eines Dressur-Aktes

Dudamel und die Berliner Philharmoniker spielen Bernstein und Schostakowitsch.

Berliner Philharmoniker
Gustavo Dudamel in der Alten Oper Frankfurt. Foto: Stephan Rabold

Beziehungsreich war das Programm, mit dem die Berliner Philharmoniker in der Alten Oper Frankfurt gastierten. In der chefdirigentenlosen Interimszeit nach Simon Rattle und vor Kirill Petrenko von Gustavo Dudamel dirigiert. Dem 1981 geborenen Aufsteiger aus der venezolanischen Il-Sistema-Bewegung, der mittlerweile im musikbetrieblichen Oberhaus beheimatet ist. Mit Leonard Bernsteins 1. Sinfonie von 1942 mit dem Titel „Jeremiah“ nahm man noch einmal Bezug auf den allerorten gefeierten 100. Geburtstag des 1990 mit 72 Jahren Verstorbenen, der einst der erste gebürtige US-Amerikaner unter den Stardirigenten der Vereinigten Staaten war.

Ein programmatisches Werk, das sich auf das Schicksal der verfolgten Juden bezieht und im letzten Satz Verse der Klagelieder des Jeremias aus der hebräischen Bibel bzw. dem Alten Testament verwendet. Die dort beschriebene Zerstörung Jerusalems begründet den Charakter des Werks, der zwischen Getragenheits-Sentimentalität und einer rhythmisch forcierten Straffheit pendelt, die heute ebenfalls eher gefällig wirkt. Nichts, was auch nur im Entfernten etwa an Arnold Schönbergs knappe Kantate „Ein Überlebender aus Warschau“ heranreicht. In Bernsteins Trauer-Romantik sind die Jeremias-Verse einem gebunden artikulierenden Mezzosopran anvertraut, und Tamara Mumford bot eine angemessene Balance von dramatischer und klagender Artikulation mit nicht zu schwerem oder forciertem Stimmeinsatz.

Fünf Jahre vor der Bernstein-Sinfonie war Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie entstanden – jenes chamäleonhafte Werk, das als Wiedergewinnung des sozialistischen Realismus erscheinen kann oder als dessen in die Verneinung gesteigerte Überbietung. Dudamel und seine Musiker legten sich nicht wirklich fest: ganz klassisch, unangeschärft der erste Satz, in mahlerscher Scherzo-Bizarrerie das Allegretto, in feinster Schwermut und sensibler Klangführung das Largo – fast eine Meditation. Selbst bei längeren Teilen des gladiatorisch auffahrenden Finales, das auf soghaften Triumphalismus programmiert ist, hatte man den Eindruck eines Sowohl-als-auch. Ein Kehraus, vielleicht doppelzüngig, aber ohne Fratze; mit unglaublich beschleunigten straffen Wirbeln im Streicherkollektiv. Pure Virtuosität. Feier einer Leistungs-Ästhetik, Fließband-Akkord von Helden der musikalischen Arbeit.

Das Faszinosum dieses künstlerischen Dressur-Akts übertrug sich unmittelbar auf die gefesselten Zuhörer. Die Frage blieb: Ist das sozialistischer Realismus oder seine Kritik? Sie beantwortete sich mit ihrer Aufhebung durch den Jubel der in die gigantische Klangmühle Geratenen. Denn die Begeisterung galt dem Idealtypus eines hier atemberaubend treffsicher vorgetragenen klassenlosen musikalischen Brutalismus.

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