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Alte Oper Feinsinn und Drama

Die Wiener Symphoniker mit Philippe Jordan und dem Geiger Nikolaj Szeps-Znaider spielen Brahms und Dvorák in der Alten Oper Frankfurt.

Pro Arte Frankfurt 2018
Nikolaj Znaider und die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Philippe Jordan. Foto: Pro Arte/Paul Sklorz

Allzu vertraute Klassiker taufrisch zu servieren, das ist eine Kunst, und der Dirigent Philippe Jordan versteht sich darauf. Wer sehen kann, kann nicht ausblenden, dass der Schweizer Musik auch für taube Ohren visuell umsetzt. Das ist keine Show, das ist die Herstellung von Klang aus der Bewegung und Mimik heraus, eine offenbar harte und herrliche Arbeit, kein Herumtänzeln, eher ein fröhlicher Kraftakt. 

Dessen Hauptaufgabe ist neben dem Zeigen und Formen vor allem das Dämpfen der zuvor hervorgelockten und einem Orchester gewissermaßen natürlich zur Verfügung stehenden Wucht. Zu hören sein soll aber ja nicht der Kraftakt, sondern zuerst Johannes Brahms’ Violinkonzert in D-Dur, dann Antonín Dvoráks 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“. So kam es auch in der Alten Oper Frankfurt beim Pro-Arte-Konzert mit den Wiener Symphonikern, deren Chefdirigent Jordan seit 2014 ist und die von 2021/22 an vom HR-Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada geleitet werden sollen. 

Orchester und Dirigent waren also perfekt aufeinander eingestellt, und auch der Solist war unter guten Kollegen. Der dänische Geiger Nikolaj Szeps-Znaider ist in der laufenden Saison „Artist in Residence“ bei den Wienern, und während des Brahms-Konzerts duettierte er zwischenzeitlich quasi mit dem Konzertmeister. Sehr singend, farbenreich, zuweilen groß und theatralisch das Resultat seines unprätentiösen Geigenspiels, was einen reizvollen Gegensatz zum straffen Orchesterklang ergab. Auch Szeps-Znaider ist eine eigenwillige Erscheinung, im Team mit Jordan übernahm er den ungezogeneren Part, als müsste der Dirigent ihn daran hindern, ein bisschen in den Saal hinein zu plaudern. Musikalisch gab es aber keinen Ansatz von Kasperei, die Kadenzen verbanden eine stupende, beiläufig wirkende Technik mit einem Sinn fürs Dramatische – inklusive eines punktuell ganz unschüchternen Vibratos – und für die ursprüngliche Idee einer Improvisation. Seinen Spielraum füllte der Solist jedenfalls komplett aus. 

Der Gesamteindruck einer filigranen, dabei handfesten Arbeit bestätigte sich in Dvoráks 9. Sinfonie, die wiederum nicht neu erfunden, aber voll ausgelotet wurde. Der originelle Beginn des Adagio klang einmal wieder wirklich originell, werkelte sich aus der noch nicht ganz eingetretenen Stille heraus, und auch im Verlauf der Sinfonie machten die merkwürdigen Passagen im Dazwischen (zwischen den großen und in der Tat bis zum Abwinken verwendeten Themen) auf sich aufmerksam. Geisterhaft manchmal, manchmal auf harmonischer und rhythmischer Forschungstour. Das Abgedroschene ändert nichts an der Komplexität und Vielfalt des Gesamtgebildes, hier durch transparente Tutti und fulminante Solisten fein ausgesponnen. Wie im Anschluss die „Pizzicato Polka“, die mit Sensations-Pianissimo aufwartete. Das Publikum mittlerweile in Mitklatsch- und Jubelstimmung.

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