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Alte Oper Die kleinen Menschen und die große Musik

Die Gaechinger Cantorey mit quicklebendig vorgetragenen Bach-Kantaten für den Advent in der Alten Oper Frankfurt.

Johann Sebastian Bachs Adventskantaten werden hier zu wunderschönen Beispielen für eine flirrend feine, komplexe, dabei mit überschaubaren Mitteln und Menschenzahlen zu bewerkstelligende Gebrauchsmusik. Die Kantaten des Weihnachtsoratoriums sind nicht nur zu vertraut, sondern werden meistens auch viel zu opulent aufgeführt, um mit einem Gottesdienst noch in Verbindung gebracht werden zu können. Beim Bachkonzert im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt war es jetzt eher umgekehrt. Es muss schön sein, den exquisiten, lose zweireihig antretenden Chor der Gaechinger Cantorey in einem weniger konzertartigen Zusammenhang zu erleben.

Vom Parkett aus wurde er selbst vom zugehörigen, also glänzend auf ihn eingestellten Orchester gelegentlich etwas bedrängt. Die Instrumentalisten boten nach der Pause auch das 1. Brandenburgische Konzert, ein Erlebnis eigener Art nicht zuletzt durch die empfindlichen historischen Instrumente. Prächtig gehandhabt, aber auch geradezu ungebärdig die beiden Naturhörner, auch trat das Ensemble hier ohne den Dirigenten Hans-Christoph Rademann auf (und stehend, sanft wogend). Die Konzertmeisterin und vorzügliche Solistin musste schon große Gesten aufwenden, um das Ganze zusammenzuhalten, das trotzdem den Fliehkräften des kraftvollen Geschehens zuweilen unterlag. Jedenfalls: Ein lebendiger Vortrag, ein erquickendes Neuhören eines durchgedroschenen Werks.

Davor und danach insgesamt drei Kantaten für den 1. Advent, „Nun komm der Heiden Heiland, BWV 61, „Schwingt freudig euch empor“, BWV 36, und noch einmal „Nun komm der Heiden Heiland“, aber nun BWV 62. Eine von den Sentimentalitäten des 19. Jahrhunderts noch weit entfernte Festlichkeit wurde dabei vermittelt, durch den Beginn des evangelischen Kirchenjahrs (eine weithin in Vergessenheit geratene Verabredung) herrschte ohnehin eher heitere Aufbruchsstimmung als Besinnlichkeit. Herrlich herausgearbeitet die Extras: Das von durchgängigem Pizzicato begleitete Rezitativ aus BWV 61, wenn der Bass vielleicht mit pochendem Herzen an eine Tür klopft; oder wenn, BWV 36, die „gedämpften, schwachen Stimmen“ (der kleinen Menschen, unsere) Gottes Majestät verehren und Sopran und Solovioline das als zartes, inniges Duett gestalten. Das gehört zu jenem einprägsam illustrierenden Realismus, mit dem Bach auch die Musik anhalten lässt, wenn es heißt „Haltet ein!“.

Trefflich für eine so vitale Aufführung die Solisten, der agile Tenor Benjamin Bruns, Andreas Wolf mit schön schwingendem Bass, dazu Christina Landshamer als problemlos eingesprungener Sopran und Henriette Gödde als Alt.

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