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Alte Oper Der innerste Kern

René Jacobs bietet eine ideale Matthäuspassion in der Alten Oper Frankfurt.

Den riesigen Chören, geformt an den Megakonzertereignissen des 19. Jahrhunderts, folgten die minimalistischen Varianten, bei denen sich die Frage stellt, ob vier bis acht singende Personen einen Mob darstellen können. Und mit wie viel oder eben wenig Personal Johann Sebastian Bach gearbeitet hätte, wenn die Leipziger Verhältnisse nicht so gewesen wären.

Auch René Jacobs brachte jetzt keine himmlischen Heerscharen mit zu seiner großartigen Matthäuspassion-Lesart bei den Bach-Konzerten in der Alten Oper Frankfurt. Aber gut zwei Dutzend Sängerinnen und Sänger, die praktisch durchweg Solistenqualität haben, machen schon etwas her, wenn sie noch dazu vor den Instrumentalisten platziert sind: Ein Teil auf einer, der zweite auf der anderen Seite, dahinter zwei jeweils nicht ganz gleiche, aber komplette – mitsamt Orgel und Continuo-Gruppe – Orchesterlein. Die Aufstellung war zwar nicht ganz so sensationell wie auf Jacobs’ Einspielung von 2013, für die er die vielbeachtete These des Musikwissenschaftlers Konrad Küster aufgriff, Bach habe die beiden Chöre für seine Passion nicht nebeneinander platziert, sondern den kleineren auf einer Seitenempore der Thomaskirche. Gleichwohl ist die Bühne des Großen Saals breit genug, um – vermutlich allerdings je nach eigener Position – von der Wirkung etwas ahnen zu lassen.

Ausgeklügelt die Platzierung auch im Detail: Im Chor I wirkten die vier Hauptsolisten mit, der damit etwas größer war und – auch wenn letztere begreiflicherweise gelegentlich markierten – auch so klang. Herausragend in seiner entspannten Ungekünsteltheit der Evangelist von Julian Prégardien, herrlich nobel neben ihm Johannes Weisser als Christus.

Musizierfreudigste Atmosphäre

Die Alt-Partien übernahm auf dieser Seite der glasklare, bei Bedarf auch schneidende Countertenor Benno Schachtner, den Glocken-Sopran Sunhae Im. Im Chor II fand sich ein zweites, weitgehend aus den Reihen der Choristen bestücktes Solistenquartett, so dass ein Vielfarbenzauber möglich war, den weitere Chormitglieder in opernhaft veredelten Nebenrollen noch prächtig verstärkten. Jacobs macht deutlich, dass es sich nicht zuletzt um eine ungemein interessante Geschichte handelt.

Dazu bildeten sich durch kleine Umpositionierungen – in ihr jeweiliges Orchester tretende Solisten, eine Geigerin, die sich nach vorne zum Solisten gesellte – immer wieder neue Grüppchen, wie die, sofern möglich, stehenden Musiker überhaupt den Eindruck idealer Wachheit und Reaktionsbereitschaft hinterließen. Optisch waren sie kompakte wogende Engel-Combos, die den jeweiligen Sänger auf rücksichtvollste Weise mit Klang umhüllten. Dabei ist zu vermuten, dass der vorne stehende Chor die Instrumentalisten vor Herausforderungen stellten.

Die Akademie für Alte Musik Berlin und der Rias Kammerchor waren aber auch an der Jacobs-Aufnahme von 2013 beteiligt, das Frankfurter Konzert war nun das erste auf einer kleinen Europatour. Die Beteiligten werden aufeinander eingespielt sein. Zu spüren war die hellwachste, vergnügteste und musizierfreudigste Atmosphäre für eine Musik, die hochprofessionell in den innersten Kern des Zuhörers zielt. Man saß letztlich doch da als armes Sünderlein, während Leiden und Tod Jesu in maximaler Lebhaftigkeit erzählt und reflektiert wurden. Theoretisch sind das mehr Kontraste, als ein Mensch so rasch verkraften kann, praktisch ging es wie üblich ganz gut.

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