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Museum Ludwig Aus dem Alltag der Utopien

„Black Power – Flower Power“: Das Kölner Museum Ludwig stellt das Werk der US-amerikanischen Fotografen Pirkle Jones und Ruth-Marion Baruch vor.

Pirkle Jones
„Trampende Mutter mit Kind“, 1971, von Pirkle Jones. Foto: Pirkle Jones Foundation

Eine junge Frau steht am Straßenrand und reckt den Daumen nach vorbeifahrenden Autos. Im Arm hält sie einen Säugling, zu ihren Füßen steht zwischen Pfützen als einziger Begleiter ein gefleckter Hund. Ein Wagen ist gerade an dieser jungen Familie vorbeigefahren, doch das Gesicht der Frau in zerschlissenen Jeans strahlt geradezu vor Zuversicht. Woher sie diese Hoffnung schöpft, lässt sich allenfalls erahnen. Am Horizont türmen sich Gebirge auf, der Himmel darüber ist grau. Es ist jedenfalls nicht das Bild, das man sich heute vom ewig währenden Summer of Love in Kalifornien macht.

Die Aufnahme der „Hitchhiking Mother With Child“ entstand 1971 und stammt vom US-Fotografen Pirkle Jones. Es ist die Momentaufnahme eines gesellschaftlichen Aufbruchs und gleichzeitig ein Bild des Zweifels: Wir können kaum anders, als in der jungen reisenden Mutter ein Echo jener Frauen zu sehen, die in der Depressionszeit der 30er Jahre auf der Suche nach Arbeit durch den amerikanischen Westen zogen. Was ein Bild der Zukunft sein sollte, wird so zur Ahnung einer Vergangenheit, die keinesfalls überwunden ist. Man wünscht sich, dass die in dieser Fotografie angelegte Geschichte gut ausgeht und ahnt, dass es auch anders kommen könnte. Was einem dabei beinahe das Herz bricht, ist die Vorstellung, dass diese Erkenntnis der jungen Mutter noch bevorsteht.

Nun ist die „Hitchhiking Mother“ gemeinsam mit 51 weiteren Aufnahmen des Fotografen-Ehepaares Pirkle Jones (1914-2009) und Ruth-Marion Baruch (1922-1997) im Fotoraum des Kölner Museum Ludwig zu sehen. Es ist eine Ausstellung, die wie beiläufig wirkende Bilder einer Epoche präsentiert, die sich in der kollektiven Erinnerung vorwiegend aus ikonischen Momenten zusammensetzt: die Zeit der Blumenkinder und Studentenunruhen, der Black-Panther-Aufmärsche und der Polizeigewalt. Auch die Kölner Ausstellung scheint die Ikonographie der späten 60er Jahre mit ihrem Titel „Black Power – Flower Power“ beinahe übererfüllen zu wollen. Doch die Bilder von Wohngemeinschaften, Schlammhochzeiten oder aus dem inneren Kreis der afroamerikanischen Panther-Miliz unterlaufen die Erwartungen an mit Bedeutung aufgeladene Augenblicke. Die Fotografen überhöhen nicht, was sie sehen, sie zeigen historische Ereignisse aus einer alltäglichen Perspektive.

Wie es der Titel andeutet, ist die Kölner Ausstellung im Museum Ludwig in zwei Teile gegliedert. Im ersten Kabinett sind die Aufnahmen zu sehen, die Jones und Baruch 1968 von den Protestveranstaltungen der Black Panther gegen die Inhaftierung ihres „Verteidigungsministers“ Huey Newton machten. Auch hier dominiert das Undramatische: Gruppenfotos und Einzelporträts vermitteln einen Eindruck der paramilitärischen Selbstinszenierung der Panther-Mitglieder, ohne dass die Fotografen dabei für sie Partei ergreifen würden. Allenfalls sieht man den Aufnahmen an, dass sie mithelfen sollten, dem in den großen US-Medien geprägten Bild vom „Schwarzen“ als gleichsam naturgegebenem Opfer „weißer“ Gewalt etwas entgegenzusetzen.

Nach der gemeinsamen Arbeit an den Panther-Bildern wandten sich Jones und Baruth den Blumenkindern und dabei jeweils eigenen Projekten zu. Während Baruth das Leben in Haight Ashbury, dem Hippiebezirk von San Francisco, mit der Kamera begleitete, porträtierte Jones den Alltag einer Hausboot-Gemeinschaft in der kalifornischen Küstenstadt Sausalito.

Auch hier suchte Jones das scheinbar Randständige und nicht den historischen Moment: Mit seinen Aufnahmen hielt er vor allem die Erkenntnis fest, dass auch Utopien alsbald im Alltag ankommen und der alten Normalität dann oft zum Verwechseln ähnlich sehen. Aber das war für ihn kein Grund, das Hoffen auf eine bessere Zukunft aufzugeben. Selbst wenn Jones das langsame Gift des Zweifels in unsere Herzen träufelt, verbindet er es mit einem unvergesslichen Augenblick des Glücks.

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