22. Februar 201712°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Museum in der Krise Museumsdirektor verbrennt Kunstwerke

Der weltweiten Krise fällt als erstes die Kunst zum Opfer, meint ein italienischer Museumsdirektor. Deshalb verbrennt er jede Woche ein Kunstwerk.

Das Ölgemälde "Promenade" der französischen Malerin Severine Bourgignon wurde Mitte April verbrannt. Foto: dpa

Mohamed Alaa blinzelt nervös in die tief stehende Abendsonne. Mit wenigen Handgriffen nur ist das Bild aufgehängt an einem Gestell aus Eisendraht. Es ist eine Schwarzweiß-Fotografie des Künstlers aus einer seiner Videoinstallationen. Still ist es hier, doch dann schüttet Mohamed Brennspiritus über das Bild und setzt es in Brand – mit einer Fackel, die ihm Antonio Manfredi gereicht hat. Die Kameras klicken und surren.

Es ist auch eine Medieninszenierung, die an diesem Freitagabend vor dem CAM, dem Contemporary Art Museum in Casoria, stattfindet. Zögerlich züngeln die Flammen, dann bläst der Wind das Feuer wieder aus. Am Ende hängt der obere Teil rußgeschwärzt in Fetzen, der Rest ist ein schwarz geschmolzenes Häuflein Plastik auf dem Boden.

„Jedem Künstler blutet das Herz, wenn er seine eigenen Werke zerstört“, sagt Mohamed Alaa. „Aber es muss etwas geschehen, und so kann ich einen kleinen Beitrag leisten.“ Der junge Ägypter mit der schwarzen Brille hat eine weite Reise hinter sich, und mit Revolutionen hat er Erfahrung. Er war einer der Aktivisten auf dem Tahrir-Platz. Von Kairo über Vilnius und Rom kam Alaa jetzt nach Casoria, eine Stadt mit 80?000 Einwohnern im gesichtslosen, Camorra-verseuchten Siedlungsbrei nördlich von Neapel.

Die noble Adresse des CAM täuscht. Ihre guten Zeiten hat die Via Duca d’Aosta, die Straße des Herzogs von Aosta, längst hinter sich. Heute ist sie eine trostlose Ausfallstrasse, gesäumt von bröckelnden Sozialbauten. Nur ein winziges Schild weist darauf hin, dass man am Schönheitssalon „Insel der Bahamas“ links abbiegen muss, um an Gebrauchtwagenhändlern vorbei zum Hintereingang einer Schule zu gelangen. Es ist der letzte Ort, an dem man ein Museum für zeitgenössische Kunst erwarten würde. Am Eingang hängt ein riesiges Plakat. „Kunst im Krieg“ heißt es darauf und rote Flammen leuchten auf schwarzem Grund.

Vorhof zur Hölle

Die Botschaft versteht jeder in der Gegend. Das „Hinterland“ von Neapel, wie es die Italiener mit dem deutschen Wort nennen, ist eine Art Vorhof zur Hölle, der Schriftsteller Roberto Saviano hat ihn und die Machenschaften der Camorra weltberühmt gemacht. Hier brennen immer wieder giftige Müllberge, Arbeit gibt es kaum. In den öffentlichen Kassen Kampaniens fehlen dreistellige Millionenbeträge. Korruption, Vetternwirtschaft und organisierte Kriminalität blühen.

Selbst in das historische Zentrum von Casoria haben sich die Schwarzbauten hinein gefressen wie Krebsgeschwüre. Daneben verfallen alte Kirchen und Paläste. Es gibt noch ein paar Obst- und Fischläden und Geschäfte mit chinesischen Billigtextilien. Vor den Bars lungern junge Männer herum, ihren wachsamen Blicken entgeht kein Fremder.

In all dieser Hoffnungslosigkeit kämpft Antonio Manfredi, Bildhauer, Fotograf und Leiter des CAM, seinen ganz persönlichen Kampf. Seit Mitte April verbrennt er jede Woche öffentlich zwei bis drei Kunstwerke. Die Künstler sind dabei selbst anwesend oder werden live per Skype zugeschaltet. Auch ein Bild der Deutschen Astrid Stöfhas ging bereits in Flammen auf. Manfredi protestiert dagegen, dass sein Museum keinerlei öffentliche Unterstützung bekommt, jetzt hat ihm die Stadt auch noch die Räume gekündigt. „Ich sehe keinen anderen Weg mehr“, sagt der 50-Jährige. Und man glaubt ihm, dass er das ernst meint.

Internationales Medienecho

Den meisten Bewohnern von Casoria ist es egal, ob er Bilder verbrennt. Italien hat derzeit andere Probleme. Dafür hat der Protest ein internationales Medienecho hervorgerufen, auch im Internet verbreitet sich der Funken. Es kam zu Solidaritätsaktionen in Griechenland, England, Slowenien und in Berlin. Dass eine Bilderverbrennung ein sehr radikaler Schritt ist, gibt Manfredi unumwunden zu. „Es ist das allerletzte Mittel, das ein Künstler zur Verfügung hat.“

Aber er will weitermachen, notfalls bis zum letzten Bild. Das könnte noch dauern, denn es sind mehr als 1300 Bilder und Kunstwerke, die Manfredi versammelt hat, auf 3500 Quadratmetern im weiß gekalkten Untergeschoss der Schule. Über 1000 davon sind Spenden von befreundeten Künstlern aus über 80 Ländern.

Es begann alles ganz hoffnungsvoll im Jahr 2005. Der damalige Bürgermeister befand, dass Casoria etwas zeitgenössische Kunst gut anstehen würde, ja, zur Stadt der Kunst wollte er sie machen. Manfredi, der in vielen Ländern gearbeitet hat, wollte etwas tun für seine geschundene Heimatstadt. Die Kommune überließ ihm das Untergeschoss der Schule, das er und eine treue Schar von Mitarbeitern mit einfachsten Mitteln umgestalteten. Dann aber stürzte der Stadtrat wegen mafiöser Verseuchung, Casoria wurde unter Zwangsverwaltung gestellt, und die späteren Bürgermeister interessierten sich nicht sonderlich für das CAM.

Bis auf ein paar kleine Spenden hier und da arbeiten Manfredi und die Seinen unentgeltlich. Manfredi organisiert Besuche für Schulklassen und Ausstellungen zu kontroversen Themen wie illegale Einwanderung. Auch mit der Camorra legte er sich an. Sie drohte ihm prompt. Angst habe er dennoch nie gehabt, sagt Manfredi. Aber beliebt macht man sich damit nicht. Und wer in Casoria braucht schon moderne Kunst, wenn selbst in Neapel und Rom zeitgenössische Museen von Schließung bedroht sind und nebenan ein Weltkulturerbe wie Pompeji verfällt?

Politisches Asyl für ein Museum

Das zeigte sich spätestens, als Manfredi begann, öffentlich Unterstützung zu fordern. Vom Bürgermeister über die Provinzregierung bis zur Regierung in Rom, an alle hat er flammende Appelle mit der Bitte um Hilfe geschrieben. Geantwortet hat, mit Ausnahme von Staatspräsident Giorgio Napolitano, niemand. Selbst an Angela Merkel wandte sich Manfredi vergangenes Frühjahr, mit der durchaus provokanten Bitte, seinem Museum doch politisches Asyl zu geben.

Das, sagt er, würde er heute nicht noch einmal machen. Es folgt eine flammende Tirade gegen La Merkel und ihr Diktat über Europa. Manfredi begreift seinen Protest auch als einen politischen: nicht nur gegen die italienische Politik, die für Kultur schon lange kein Geld mehr hat. Er sieht die rigide Sparpolitik als Ausdruck der weltweiten Krise, der die Kunst und vor allem junge Künstler zum Opfer fallen. „Die Politik in Europa hat komplett versagt“, sagt Manfredi, Italien sei nur ein extremes Beispiel dafür.

Immerhin, die Stadt hat ihm unterdessen ein Ausweichquartier angeboten, Bürgermeister Vincenzo Carfora und seine Kulturstadträtin haben in der Sache ebenfalls an Italiens Kulturminister Lorenzo Ornaghi geschrieben. „Pah“, Manfredi winkt verächtlich ab. 200 Quadratmeter, zwischen einem Supermarkt und einem Roma-Camp, das sei das Angebot. Ein Witz. Lieber kämpft er weiter, und wenn ihn die Carabinieri holen. „Das wäre zumindest eine Reaktion des Staates“, sagt er bitter.

Nun wartet er darauf, dass Ornaghi ihn wenigstens einmal anruft. Derweil soll das Feuer der Revolution weiter brennen, alle paar Tage ein Kunstwerk, dessen Überreste dann wieder ins Museum kommen. Dort hängt jetzt auch das nicht ganz verbrannte Foto von Mohamed Alaa wieder. Der hofft, dass nicht alles umsonst war. „Das muss eine Revolution werden, die um die ganze Welt geht.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum