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"Moses und Aron" Ist Kunst mit solchem Ernst auch schön?

Schönbergs „Moses und Aron“ in der Philharmonie

04.09.2012 16:42
Peter Uehling
Teilnehmer der Langen Nacht der Museen warten vor der Berliner Philharmonie. Foto: dapd

Ein Bild des US-amerikanischen Komponierens, wie es das Musikfest Berlin im Jahr von Cages 100. Geburtstags vermittelt will, wäre ohne Cages Kompositionslehrer Arnold Schönberg unvollständig. Dabei ist interessant, dass es Schönberg nicht gelang, im kalifornischen Exil ebenso schulbildend zu wirken wie in Wien oder Berlin – trotz vieler Schüler und Freundschaften mit Charles Ives und George Gershwin. Aber der ausgeprägte Individualismus der US-Amerikaner tendiert eher zu scharf abgegrenzten Stilen, während Schönberg mit der Zwölftontechnik noch einmal ein Verfahren etablieren wollte, das für eine ganze Epoche verbindlich ist.

„Moses und Aron“, die in den letzten europäischen Jahren Schönbergs entstandene, aber mit dem zweiten Akt abgebrochene Oper, vermittelt diesen Willen nicht nur anhand ihres ehrwürdig biblischen Stoffs, sondern auch in der Musik. Wohl keine Oper seit dem 19. Jahrhundert vertraut so radikal auf die Ausdruckskraft des Tones und verzichtet so selbstbewusst auf Lokalkolorit, Genreszenen oder Orchesterzauber. Alles ist aus einer Reihe abgeleitet – aber mit einem Bewusstsein für die Farbe kontrapunktischer oder rhythmischer Kombinationen, dass es – zumal in der Aufführung am Sonntag in der zu zwei Dritteln gefüllten Philharmonie – höchste Bewunderung erregt.

Heilung vom Goldenen Kalb

Sylvain Cambreling führt das SWR Sinfonieorchester und die von Joshard Daus perfekt einstudierte Europachorakademie durch eine Vielzahl von Stimmungen und Charakteren: Von der einleitenden Szene mit Gottes Flüsterstimme aus dem Dornbusch über den in Solo-Violine und Flöte leicht tändelnden Charakter der Aron-Musik oder die hohltönende Kombination aus tief hauchender Flöte, hoher Bassklarinette und Englisch Horn beim Auftritt einer Kranken, die vom Goldenen Kalb Heilung erhofft, bis zu den bedrohlich sich aufschaukelnden Chören. Nachdem lange der expressionistische Schönberg dem als klassizistisch verrufenen Schönberg der Zwölftontechnik vorgezogen wurde, zeigte Cambreling eindrucksvoll, wie viel Fantasie, Obsession und Wildheit in dieser so präzis konstruierten Partitur steckt.

„Moses und Aron“ ist kein sympathisches Stück. Schönberg hat den Exodus im Sinne seines ausgeprägten Eliteselbstgefühls umfunktioniert: Hier der tiefe Denker Moses, dort das flache Volk. Will Moses seine Gedanken vermitteln, braucht er seinen Bruder Aron, der das Gedachte in Bilder und Wunder umsetzt und damit die Substanz der Gedanken veruntreut. Als Moses auf dem Berg Sinai die zehn Gebote empfängt, gibt Aron dem murrenden Volk das Goldene Kalb zur taumelnden religiösen Gaudi.

Der unverstandene Denker ist natürlich Schönberg selbst. Dennoch wurde „Moses und Aron“ keine selbstgerechte Oper über das unverstandene Genie – auch weil Schönberg den Gegensatz zwischen reinem Gedanken und notwendiger Vermittlung dramatisch nicht lösen konnte. Als Franz Grundheber, der an seiner Berufung leidende Moses, verzweifelt die letzten Worte seiner Sprechpartie hervorstieß: „So war alles Wahnsinn, was ich gedacht habe, und kann und darf nicht gesagt werden?“, war zu spüren, dass jede Auflösung zugunsten Moses oder Arons angesichts des ausweglosen Konflikts zu leicht und lediglich ideologisch geraten wäre – zumal Andreas Conrad den Aron mit wahrhaft überredender tenoraler Delikatesse in der unablässig angesteuerten Höhe sang. Deswegen ist „Moses und Aron“ zugleich ein Stück, das man nicht mögen, vor dessen Ernst man sich jedoch verneigen muss. Entstanden in Schönbergs Berliner Zeit zwischen 1929 und 1932, bezieht es neben den populären Stücken Kurt Weills und den orchestral abgeschmeckten Opern Franz Schrekers eine trotzig anti-kulinarische Position und hält im stets zu Kompromissen gezwungenen Kulturgeschäft einen Anspruch fest, ohne den die Kunst verkommt.

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