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Mit Leichtigkeit

Münchens Pinakothek der Moderne ehrt den Architekten Frei Otto zu dessen 80. Geburtstag

31.05.2005 00:05
OLIVER HERWIG
Das Labor, in dem die fliegenden Bauten entstanden. Frei Ottos Institut für leichte Flächentragwerke wurde 1967 in Stuttgart gegründet. Foto: Atelier Frei Otto Warmbronn

"Man kann das freie Gespräch nicht bauen", sagt Frei Otto, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, "wohl aber mit baulichen Mitteln möglich machen." Architekt der offenen Gesellschaft, das ist die Mission Ottos, der nicht nur die Bauwelt des 20. Jahrhunderts revolutionierte, sondern seinen Entwürfen auch ein gesellschaftliches Ideal auf den Weg gab: "Mit Leichtigkeit gegen Brutalität." Gegen Unterdrückung und Willkürherrschaft, wie sie der Spross einer Bildhauerfamilie unter den Nationalsozialisten erlebt hatte.

Dabei ging es Otto wie Günter Behnisch oder Werner Ruhnau: Eine ganze Generation von Architekten kehrte mit tiefem Misstrauen gegen das Monumentale aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Größe und Dauer, Säulenordnungen und Stein zählten nicht mehr, waren in menschenverachtenden Aufmarscharenen und Machtzentralen der Nationalsozialisten desavouiert worden. Und zwar so gründlich, dass sich das neue Bauen bewusst nomadenhaft gibt, flüchtig und beweglich, mit Zelten und leichten Materialien den Boden der frühen Bundesrepublik bereitet. Elegant sind Ottos Entwürfe, luftig-leicht und doch präzise, bescheiden und unerhört flexibel. Auf den Bundesgartenschauen in Kassel von 1955 und Köln 1957 spannt Otto, der inzwischen mit seiner Promotion "Das hängende Dach" für Furore gesorgt hat, Zelte, die wie Astralkörper auf die Erde niedergegangen sind.

Das sanfte Dach

"Ein sanftes Dach wie eine Wolkenlandschaft", schreibt Otto unter eine Zeichnung von 1980, und tatsächlich gleichen die Zelte, die er locker aquarelliert, Kumuli, die in Bodenhöhe über der Landschaft schweben. Noch die Frauenkirche dazu, und schon hätte man eine einfühlsame Interpretation der Münchner Olympiabauten von 1972, die Natur und Architektur verschmolzen. Aber Otto geht es weniger um Poesie, Otto will Leichtigkeit vermitteln und als Konstruktion berechenbar machen.

In Stuttgart-Vaihingen, wo er 1964 das Institut für Leichte Flächentragwerke gründet, blubbert unaufhörlich die Seifenblasenmaschine. Die so genannten Minimalflächen ihrer Seifenhäute zeigen automatisch die optimale Form von gekrümmten Flächen. Experimente, immer wieder Experimente, die den Rechenmodellen und Computern voraus sind. "Wer kann das berechnen?" hängt Otto zusammen mit Konstruktionsplänen ans Schwarze Brett der Stuttgarter Uni, worauf sich Klaus Linkwitz vom Institut für Anwendungen der Geodäsie im Bauwesen meldet. Der Lehrstuhlinhaber entwickelt Algorithmen für Ottos Modelle, die erstmals berechnet werden können. Otto aber verlässt sich lieber auf Experimente. Je kühner die Konstruktionen, desto akribischer die Modelle; sie simulieren das Eigengewicht der Konstruktion und Belastungszustände von Wind und Regen.

Wie Paparazzi belauern Kameras das zentrale Modell der Münchner Olympiabauten, einen schwarzen Rahmen mit zahllosen Drähten, Gewichten und Winkelmessern. Doppelbelichtungen geben Aufschluss über die Kräfte im Seilnetz, das Otto für Günter Behnisch entwickelt. Nie hat es etwas ähnlich Großes gegeben, München übertrifft alle Pavillons und fliegende Bauten, denn es muss stehen bleiben, auch nach den Olympischen Spielen 1972.

Es ist nicht ohne Ironie, dass der Mann, der nichts Bleibendes bauen wollte und Architektur als flüchtige Begegnungsstätte für Menschen verstand, einige der stärksten Symbole der Bundesrepublik schuf: 1967 den Expo-Pavillon von Montreal und fünf Jahre später die Zeltlandschaft von München. Otto baut, indem er traditionelle Architektur auflöst, am Selbstverständnis des neuen Staates, informell und frei. Nachdem Egon Eiermann und Sep Ruf mit ihrem gläsernen Deutschen Pavillon in Brüssel eine reformierte Gesellschaft gezeigt hatten, geht Otto den nächsten Schritt. Die wogende Seilnetzkonstruktion seines Montrealer Pavillons, eine Hymne an Transparenz und Offenheit, wird neben Buckminster Fullers geodätischem Dome zum Zeichen einer Zeit, die im Leichtbau bereits die Grenzen des Wachstums ahnt. Mit weniger auszukommen ist nicht länger ideologischer Ballast der Moderne, Ökologie und Bauen müssen in Einklang gebracht werden. 1969 errichtet Otto sein Atelier in Warmbronn, bei dem Gewächs- und Wohnhaus scheinbar kollidieren.

Wie der Mittelrisalit eines Schlosses überragt die Glaskonstruktion die angrenzenden Flügelbauten und bildet den solaren Mittelpunkt der Anlage, die vor allem eines ist: offener Gegenentwurf zur Einfamilienhausidylle. Als Großmutter heutiger Passiv- und Solararchitektur hat Otto sein Heim einmal bezeichnet. Gedankliche Verschärfung liegt ihm, immer wieder hat er gegen den orthogonalen Einheitsbrei der Architektur polemisiert, die in Langeweile ersticke. So berät das Schwergewicht des Leichtbaus bis heute Kollegen auf der ganzen Welt in der Kunst, mit einem Minimum an Material zu bauen, mit Membranen, Seilnetzen, Gitterschalen und pneumatischen Konstruktionen.

Unter weißen Segeln

Weiße Segel wehen durch die Pinakothek der Moderne. Die Rotunde ist verwandelt, strahlt heitere Gelassenheit aus, wo vorher Strenge und Größe herrschten. "Der Raum wurde besser", kommentiert Otto den Beitrag von Gisela Stromeyer, die einen wunderbaren Auftakt zur großen Retrospektive im Architekturmuseum der TU München schuf. Unter Segeln schlüpfen Besucher durch einen Seitenkorridor in Ausstellungssäle, die vor Exponaten bersten. Modelle über Modelle, Gewebe unter Acrylkuppeln, dazwischen raumgreifende Nachbauten und immer wieder Monitore mit Animationen, die die wichtigsten Errungenschaften des Baumeisters erklären. Die überfällige Überblicksausstellung wartet mit Superlativen auf. "Noch nie wurden Originalzeichnungen gezeigt", freut sich Museumsdirektor Winfried Nerdinger, sie mussten dem Baumeister in Warmbronn freilich Stück für Stück entlockt werden. In der Ausstellung umspielen sie die Modelle wie ein Schwarm Schmetterlinge, lassen sich auf den Wänden nieder und zeigen Otto als Erfinder, der wandelnden Formen nachjagt, fixiert und in eine enorme Kartei des Leichtbaus einfügt.

Wer die Fülle der Skizzen und Planungen sieht und im Oeuvrekatalag nachschlägt, ist überrascht, wie viel nur Papier blieb und wie sehr die Bauwelt noch immer das ist, was sie vor Otto war: orthogonal. Der Ausnahmearchitekt bleibt wohl der Fischer mit den Seilnetzen, mit denen er Menschen ebenso für sich gewinnt wie für das Leichte fasziniert. Seine Mission ist offenbar noch nicht vorbei.

Architekturmuseum der TU Münchenin der Pinakothek der Moderne, bis zum 28. August. Der Katalog im Birkhäuser Verlag kostet 40 Euro. www.pinakothek-der-moderne.de

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