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Missbrauch, Röhl & RAF Meine Meinhof, deine Meinhof

Seit Anja Röhl, Tochter von Konkret-Gründer Klaus Rainer Röhl und Stieftochter von Ulrike Meinhof offen über den Missbrauch durch ihren Vater spricht, entbrennt eine Debatte. Doch wem dient sie? Von Matthias Thieme

10.05.2010 00:05
Matthias Thieme
Bettina Röhl ist die Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl. Foto: dpa

Die Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) und ihrer Protagonisten taugt auch im Jahr 2010 noch zu hitzigen Debatten - auch wenn es diesmal nicht um die RAF, sondern um Kindesmissbrauch geht. Doch aus den öffentlichen Vorwürfen Anja Röhls, ihr Vater Klaus Rainer Röhl habe sie sexuell missbraucht, wird im Handumdrehen eine Diskussion über die Bewertung der RAF, die Zeitschrift konkret, linke Indifferenz gegenüber Pädophilie und vor allem: ein Deutungsstreit über Ulrike Meinhof als Mutter.

Meine Meinhof, deine Meinhof - dieser Streit führt in die Irre. Doch zunächst die Fakten: Der ehemalige Herausgeber und Chefredakteur der linken Zeitschrift konkret, Klaus Rainer Röhl (82), der die Missbrauchs-Vorwürfe bestreitet, war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe stammt Anja Röhl. Aus der zweiten Ehe mit Ulrike Meinhof stammt die Journalistin Bettina Röhl und deren Zwillingsschwester Regine Röhl.

Bettina und Regine Röhl wurden im Mai 1970 im Alter von sieben Jahren von RAF-Mitgliedern, die mit Meinhof befreundet waren, für vier Monate nach Sizilien entführt. Dem Vater Klaus Rainer Röhl, dem das vorläufige Sorgerecht zugesprochen worden war, sollten damit die Kinder entzogen werden. Im September 1970 sollten sie von einem Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe aus Sizilien abgeholt und in ein Guerilla-Lager im Nahen Osten gebracht werden. Der damalige konkret-Redakteur und spätere Spiegel-Chef Stefan Aust kam der Aktion zuvor, befreite die Zwillinge und brachte sie zum Vater zurück.

Im Zentrum des durch die Missbrauchsvorwürfe entflammten Streits steht nun die Frage, ob diese Kinderverschleppung neu zu bewerten ist. Wollte Meinhof ihre Kinder durch eine Entführungsaktion vor den Übergriffen des Vaters schützen? Die Meinhof-Biografin Jutta Ditfurth vertritt diese These vehement.

Bislang galt diese Aktion als das exakte Gegenteil mütterlicher Fürsorge. Austs Rückholaktion dagegen galt als respektable Tat. Vor dem Hintergrund der Missbrauchsvorwürfe werden von Ditfurth nun Umdeutungen vorgenommen, in ihrer Darstellung wird Meinhof zur sorgenden Mutter und Austs Befreiung der Kinder plötzlich zur Komplizenschaft mit dem übergriffigen Vater. "Werfen Anja Röhls Aussagen (...) ein anderes Licht auch auf die Figur Ulrike Meinhof?", fragt Spiegel-Online. Ja, sagt Ditfurth, "sie hatte Angst um ihre Kinder." Ulrike Meinhof sei kurz nach Aust in Sizilien angekommen "und brach zusammen, weil die Kinder nun genau dort waren, wo sie nicht sein sollten: beim Vater", sagt Ditfurth. Die Missbrauchsvorwürfe seien "frei erfundenen" und dienten einem politischen Zweck, sagt dagegen Klaus Rainer Röhl in der Zeitung "Die Welt". Die Entführung solle im Nachhinein gerechtfertigt werden. "Es geht um die Weißwaschung der RAF-Ikone Ulrike Meinhof."

Ditfurth behauptet jedoch in der taz, das Thema Missbrauch sei der "einzige Grund" des Sorgerechtsstreits zwischen Meinhof und Klaus Rainer Röhl gewesen. Doch warum führten Meinhofs Anwälte das Thema im Sorgerechtsstreit nie ein? Weil die Anwälte befürchteten, "dass die Gerichte 1970 noch kein Ohr für dieses Thema hatten", so Ditfurth.

Darüber hinausgehend, beschreibt die Publizistin in der mehreren Beiträgen - so in einem Interview mit der taz und einem Beitrag für die Berliner Zeitung - Übergriffe Röhls auf seine Töchter - offenbar ohne diese vorher zu fragen. Bettina Röhl jedenfalls verwahrte sich vehement dagegen, "meine Zwillingsschwester und mich herein zu ziehen". Zu den Pädophilievorwürfen äußere sie sich, "wenn es tatsächlich um diese Sache geht", sagte sie der Frankfurter Rundschau. Ob die Vorwürfe gegen ihren Vater stimmen, lässt Röhl mit dieser Antwort offen. Aber solche Uneindeutigkeit ist ihr gutes Recht.

Ähnlich scharf wandte sich Röhl inhaltlich gegen die Umdeutung der Kinderverschleppung zu einem Akt fürsorglicher Mutterliebe. Die RAF sei "keine Kinderhilfsorganisation" gewesen. Dass man "genüsslich über meinen Kopf hinweg abwägt, ob etwa das palästinensische Waisenlager, das übrigens in die Luft gebombt wurde, für mich besser gewesen wäre oder ein pädophiler Vater, ist pervers", so Röhl. "Ich stehe weder als Terroristentochter noch als Pädophilentochter für die Phantasien der einen und die Phantasien der anderen Seite zur Verfügung."

Es ist dem eventuellen Opfer vorbehalten, sich öffentlich zu Missbrauchsvorwürfen zu äußern - oder eben auch nicht. Warum sollte das bei den Kindern Ulrike Meinhofs anders sein? Dass die Eltern Personen der Zeitgeschichte sind, ist ein schwaches Argument. Noch schwächer wird es, wenn es um das Intimleben geht oder gar um Spekulationen darüber. Dass sich in diesem Fall eine der Töchter Röhls geäußert hat, hebt die Einwände mit Blick auf deren Halbgeschwister nicht auf.

Der Versuch, die Figur Meinhof politisch immer wieder neu zu bewerten, ist notwendig. Ob sie eine gute Mutter war, können letztlich nur diejenigen beantworten, deren Mutter sie war. Meinhofs Töchter hatten unter dem RAF-Fanatismus samt seiner medialen Bearbeitung bis heute schon genug zu leiden.

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