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"Mirandolina" im Stadttheater Gießen Spaß mit Verletzten

Brillante Erstbegegnung mit Bohuslav Martinus „Mirandolina“ im Stadttheater Gießen. Die Komödie wurde erstamls in Prag aufgeführt, schaffte es aber nie ins gängige Repertoire.

01.04.2014 10:26
Hans-Jürgen Linke
Singende Schmerzensmänner und -frauen. Foto: rolf k. wegst

Die Komödie steckt voller Scheinbarkeiten, hinter denen sich differente Seinsweisen kaum verbergen: Im Zentrum steht die vielbegehrte Wirtin Mirandolina, ein verarmter Marchese macht sich Hoffnungen, ein generöser Comte konkurriert mit ihm, ein schneidiger Cavaliere gibt den Frauenhasser. Mirandolina legt es darauf an, aus ökonomischen und sportlichen Gründen, alle drei an sich zu binden, liebt aber einen Vierten namens Fabrizio, zwei Komödiantinnen kommen hinzu, die sich – Komödiantinnen müssen so sein – als Damen ausgeben.

Wie soll da Liebes- und Lebensglück entstehen? Bei Goldoni war das ein Spaß mit etlichen Verletzten, also in etwa das, was uns heute der Fußball wöchentlich liefert. Aber was soll dabei herauskommen, wenn ein Komponist des 20. Jahrhunderts diesen Stoff zu einer Opera buffa verarbeitet?

Bohuslav Martinus „Mirandolina“, 1959 in Prag uraufgeführt, hat es nicht ins gängige Repertoire geschafft. Vielleicht klingt sie für ein Werk aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einfach zu ungleichzeitig. Die Inszenierung des Stadttheaters Gießen, zugleich deutsche Erstaufführung des italienischsprachigen Originals, zeigt, dass man dieses Urteil durchaus revidieren kann.

Denn Martinus Musik ist keineswegs unaufgeklärt und naiv, man könnte sie aus heutiger Sicht geradezu postmodern avant la lettre nennen. Was Martinu komponiert hat, klingt zwar tonal vergleichsweise stromlinienförmig, aber in der Behandlung der Rhythmik erkennt man den Strawinski-Zeitgenossen: Bohuslav Martinu weiß, zu welchen Rhythmen Menschen geopfert werden. Er treibt das Goldoni-Personal durch eine vielgestaltige, komplexe Metrik, ein Wechselbad aus Be- und Entschleunigung.

Der Verdienst des Philharmonischen Orchesters Gießen

Er implantiert damit der Musik einen Störfaktor, der die brave Tonalität zur dünnen Oberfläche über einem emotional aufgepeitschten Geschehen macht. Die Musik weiß sehr genau – und sie behält das nicht für sich – dass hier unter einer komödiantischen Oberfläche Grausamkeiten geschehen. Verlierer ist am Ende übrigens der Cavaliere.

Es ist das Verdienst des Philharmonischen Orchesters Gießen und der musikalischen Leitung Michael Hofstetters, dass der unruhig-eilige Charme, die heftigen Fliehkräfte, die Hochgeschwindigkeits-Eleganz dieser Musik das tragende Fundament der Inszenierung sind, und es macht einen enormen Spaß, diesen scheinheilig daher hüpfenden Klangereignissen auf die Schliche zu kommen. Gerade die Ensemble-Szenen sind oft von einem hinreißenden, kleinteiligen Pointillismus geprägt, der das Hören zu einem großen Vergnügen macht.

Andryi Zholdak hat die aufgerissene Ästhetik, unterstützt von Lukas Nolls Bühnen- und Kostümbildnerkunst, weniger als Oper inszeniert, sondern eher als Arbeit am Filmset. Francesca Lombardi Mazzulli ist eine überaus nuancierungsfähige Mirandolina. Ein Requisiteur holt oder bringt ständig Requisiten, Schmerzensmänner und -frauen werden vorübergehend an die Wald genagelt, zwei Video-Projektionen auf dem Bühnenprospekt zeigen immer, wer gleich auf die Bühne kommen wird oder gerade abgegangen ist und wie.

Eine Marien-Ikone macht eine Zeit lang den rückwärtigen Bühnenprospekt zur Ikonostase, wird auch brav und mit klaren Gesten verehrt und rückt gegen Ende gar, projiziert und stark vergrößert, ins perspektivische Zentrum, während über der rechten Tür eine andere Imago der Heiligen Mutter erscheint: Angela Merkel, mit demütig gesenktem Blick.

Ikonen sind nicht einfach religiöse Bilder mit Blattgoldauftrag, sie sind Fenster, durch die Gott, der große Regisseur, auf die Menschen schaut. Ob er an dem, was er da sieht, seine Freude hätte? Sicher nicht so viel wie die Zuschauer an der Gießener „Mirandolina“.

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