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Militärmuseum Die Selbst-Bewusstwerdung der Bundeswehr

Eine Ausstellung im Militärmuseum in Dresden fragt anregend nach Zusammenhängen von „Gewalt und Geschlecht“.

Almuth Gebert
Almuth Gebert, Jg. 1988, die erste Zugführerin ihrer Kompanie, beim Winterkampftraining in den Alpen, 2016. Foto: GebJgBrig23/Pressestelle

Der Katalog besteht aus zwei Bänden mit zusammen über eintausend Seiten in einem Schuber. Gewicht: 5700 Gramm. Also eher etwas für die Fitness als für die Couch. Die Ausstellung „Gewalt und Geschlecht. Männlicher Krieg – Weiblicher Friede?“ soll mehr als 1000 Objekte zeigen. Es ist die größte Sonderausstellung, die das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden je gezeigt hat. Es hat viel Ärger um sie gegeben. Wer in einem Militärmuseum nichts als Kerle und ihre technischen Spielzeuge sehen möchte, der ist in Dresden seit 2011, seit der neuen Dauerausstellung, fehl am Platz. Auch sie zeigt die Vernichtungsmaschine Krieg wesentlich weniger beschönigend, als wir das von anderen Militärmuseen kennen.

Die Sonderausstellung „Gewalt und Geschlecht“, kuratiert von Gorch Pieken, ist eine umfassende Auseinandersetzung mit den Bildern, die wir uns in unserer Kultur von Mann und Frau machen, und mit den Realitäten, auf die wir treffen. Es gibt nichts, das es in dieser Ausstellung nicht gibt. Das ist ihre Qualität und ihre Schwäche. Da es von allem etwas gibt, kann ein jeder etwas vermissen. Kriegerinnen etwa sind zuhauf zu sehen. Also wird der eine oder der andere der älteren Besucher „Das rote Frauenbataillon“ vermissen, das revolutionäre Ballett, mit dem Jiang Qing (1938-1976), die letzte Ehefrau Mao Zedongs, Schauspielerin und kommunistische Kämpferin, den Chinesen den Geist des Kapitalismus austreiben wollte. Die Ausstellung zeigt, dass auch Frauen brutal foltern können, also vermisst der Besucher Aufnahmen aus Abu Ghraib mit Lynndie England.

Aber statt die Präsentation von Dingen einzuklagen, die er schon kennt, sollte der Besucher sich ansehen, was er nie zuvor oder doch nie zuvor so gesehen hat.

Das geht schon mit dem Prolog los. Große Fotos von Gemälden, auf denen Männer und Frauen, Krieger und Herrscher abgebildet sind – nichts Besonderes, denkt der flüchtige Betrachter. Bis er sich die Rückseiten ansieht. Alle diese Bilder wurden von Frauen gemalt. Wer wie ich noch einem Psychologieprofessor zuhörte, der von seinem Pult herab mehr als einhundert zukünftigen Lehrerinnen erklärte, Frauen seien nun mal nicht kreativ und könnten sich allenfalls – wie Elly Ney – als Interpretinnen hervortun, den freut schon allein die Masse der Bilder.

Die im vergangenen Oktober verstorbene Silvia Bovenschen schrieb als junge Frau über die „imaginierte Weiblichkeit“. Es ging ihr darum zu zeigen, wie sehr die Wirklichkeit bestimmt wird von dem Bild, das man sich von ihr macht. Sie stellte aber auch heraus, wie wichtig in der europäischen Geschichte das Bild der Frau ist, wenn es um Symbolisierung geht.

Minerva zum Beispiel, die Schutzgöttin der klugen Kriegsführung, der Staatsverwaltung und der Wissenschaft, ist weiblich. Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft nahm als Emblem den Kopf der Minerva. Es ist ihrer Nachfolgerin, der Max-Planck-Gesellschaft, erhalten geblieben. Die der wirklichen Frau gerne abgesprochene Fähigkeit zu künstlerischer und wissenschaftlicher Kreativität machte sie besonders geeignet, sie zu personifizieren.

Welche Volten diese Dialektik schlagen kann, davon ist in der Dresdner Ausstellung ein Beispiel das Gemälde von Justus van Egmont, das Christina von Schweden als Minerva zeigt. Die Tochter von König Gustav Adolf II. von Schweden weigerte sich zu heiraten und „der Acker eines Mannes zu sein“.

Ein noch schlagenderes ist ein Gemälde, das Paul I. Esterházy de Galantha (1635-1713) als Judith zeigt. Die Attentäterin Judith, so steht die Geschichte im apokryphen Buch Judit des Alten Testaments, geht ins Zelt des assyrischen Generals Holofernes, enthauptet ihn mit seinem eigenen Schwert und rettet so – wie einst Moses – das Volk Israel. Esterházy war kaiserlicher Feldmarschall, Palatin, also Stellvertreter des Königs von Ungarn, der zugleich Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war, bekriegte erfolgreich die Türken, war einer der vermögendsten Männer des Habsburgerreichs und Komponist. Seine knapp zwei Stunden dauernde „Harmonia Caelestis“ für Singstimmen und Orchester lieferte nicht nur den Titel für das große Familienepos seines Nachkommens Péter Esterházy (1950-2016), sie ist auch auf Youtube zu hören.

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